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Angriff auf Zeugen Jehovas: Rentner muss elf Jahre ins Gefängnis

Ein deutsches Gericht hat einen 83-Jährigen des versuchten Mordes in 39 Fällen schuldig gesprochen. Der Rentner warf den Zeugen Jehovas vor, sie hätten ihm die Tochter entfremdet.

Mit einer Maschinenpistole bewaffnet stürmte ein 83-jähriger Rentner im Juli 2009 in eine Gebetssaal der Zeugen Jehovas: Wegen versuchten Mordes in 39 Fällen wurde er nun vom Landgericht Bielefeld zu elf Jahren Haft verurteilt. Für die 81 im Gebetssaal anwesenden Menschen habe sich mit dem versuchten Amoklauf «ein Albtraum in Realität verwandelt», sagte die Vorsitzende Richterin Jutta Albert am Dienstag in der Urteilsbegründung.

Nur weil es dem 83-Jährigen nicht gelungen sei, die Waffe durchzuladen, sei ein Blutbad vermieden worden. So konnte er von den Saalordnern der Gemeinde überwältigt werden. Hintergrund der Tat war nach einem von den Ermittlern entdeckten Schreiben des Angeklagten sein «bestialischer Hass» auf die Religionsgemeinschaft. Der Rentner warf den Zeugen Jehovas vor, sie hätten ihm die Tochter entfremdet. Jahrelang habe er deshalb Rachepläne geschmiedet. Man müsse seinen Gegner kennen und in Sicherheit wiegen, bevor man losschlage, schrieb der 83-Jährige in seinem Abschiedsbrief an den Sohn.

Angeklagter bestreitet Tötungsabsicht

Der Angeklagte selbst hatte im Verfahren jede Tötungsabsicht bestritten. Er habe die Waffe zufällig beim Spazieren gefunden und nur in den Gemeindesaal gebracht, um die Zeugen Jehovas vor drohenden Anschlägen islamistischer Terroristen zu warnen.

Doch wertete das Gericht diese Darstellung als Schutzbehauptung. «Das muss man der Rubrik 'Roman' zuschreiben», sagte die Vorsitzende Richterin. Die Erklärung sei lebensfremd. Hinweise auf einen lange geplanten Anschlag habe der 83-Jährige mehrfach selbst gegeben. So habe er seinem Nachbarn gesagt, er werde «noch irgendwo rummetzeln», bevor er sich selbst das Leben nehme.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Angeklagten sogar versuchten Mord in 81 Fällen zur Last gelegt und eine Haftstrafe von zwölf Jahren gefordert. Dabei orientierte sich die Anklagebehörde an der Zahl der anwesende Gemeindemitglieder. Das Gericht legte seinem Urteil allerdings die Menge der Munition zugrunde, die der Angeklagte bei sich trug. Das waren drei Magazine mit insgesamt 39 Schuss.

Urteil mit Abschreckungscharakter

Ein Gutachter bescheinigte dem Senior, er sei für sein Alter «überdurchschnittlich gesund» sowie «geistig fit und rege». Dennoch gestand das Gericht ihm eine Minderung der Höchststrafe von 15 Jahren zu. Neben seinem hohen Alter und seinem bis dahin unbescholtenen Lebenswandel wurde auch eine schwere Diabeteserkrankung strafmildernd berücksichtigt. Ausserdem habe kein Zeuge von gravierenden psychischen Folgen des gescheiterten Amoklaufs berichtet.

Das Persönlichkeitsbild, das die Richterin von dem Angeklagten zeichnete, zeigt einen Familientyrann. Die erwachsene Tochter habe er mit Lederhandschuhen verprügelt. Die Frau habe zu Hause vermutlich nicht viel zu sagen gehabt, erklärte die Richterin.

Ein juristischer Vertreter der Zeugen Jehovas zeigte sich vom Urteil «beeindruckt». «Es ist ein deutliches Signal, dass die freie Religionsausübung geschützt werden muss», sagte Hans-Hermann Dirksen von Jehovas Zeugen Deutschland. «Das Urteil hat einen deutlichen Abschreckungscharakter, dass so etwas nicht sein darf.»

ddp/sam

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