«Sie sagten uns, er werde an der Ostküste sein, und jetzt?»

Irma hat die Florida Keys erreicht. Das US-Hurrikanzentrum warnt vor lebensbedrohlichen Winden und einer Sturmflut mit bis zu 4,5 Meter hohen Wellen.

Die ersten Ausläufer von Irma haben Florida erreicht: Über 170'000 Häuser sind ohne Strom. (Video: AP/AFP/Storyful)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Worte von Floridas Gouverneur Rick Scott sind deutlich: «Lebensbedrohliche Sturmflut erreicht die Keys», twitterte er. Die Keys sind rund 200 Koralleninseln, die Florida vorgelagert sind. Der nationale Wetterdienst meldet Windböen bis zu 151 Kilometer pro Stunde, die am Leuchtturm «Smith Shoa»l gemessen wurden. Die Werte steigen seit Stunden. «Wenn der Sturm einmal begonnen hat, können die Behörden Sie nicht mehr retten», sagte Floridas Gouverneur Rick Scott am Samstag.

US-Medien bezeichnen Irma als «Monster-Sturm», der Zerstörungen hinterlassen könnte, wie sie seit Generationen nicht beobachtet wurden. Er hat einen Durchmesser von 700 Kilometern, allein das Auge ist so gross wie Berlin. Experten befürchten, dass die Keys – etwa 200 Koralleninseln, die Florida vorgelagert sind – nicht mehr dieselben sein werden, wenn «Irma» sie überflogen hat.

Manche Inseln könnten demzufolge von den Sturmfluten verschluckt werden. Windböen von bis zu 200 Kilometer pro Stunde könnten von Natur und Häusern nicht viel übrig lassen. Gouverneur Scott hatte gewarnt, Irma werde schlimmer sein als Hurrikan Andrew, bei dem 1992 insgesamt 65 Menschen ums Leben gekommen waren. Ob diese Befürchtungen zutreffen, ist zur Stunde noch nicht absehbar.

«Fünf Tage lang sagen sie uns, dass er an der Ostküste sein wird»

Während aus den ersten Städten im Süden schon starker Regen und Stromausfälle gemeldet werden, nutzen die Behörden und Einwohner einige hundert Kilometer nordwestlich die letzten Stunden vor Ankunft des Sturms, um sich auf Irma vorzubereiten. Die Städte Naples, Fort Myers, St. Petersburg und Tampa wurden kurzfristig in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Denn der Hurrikane hat eine andere Bahn als gedacht: Statt mit voller Wucht auf Miami zu treffen, sind nun die Städte an der Westküste von Florida in grösster Gefahr.

Randall Henderson, der Bürgermeister von Fort Meyers, spricht von einem Worst-Case-Szenario für seine Stadt. Die Gegend mit ihren drei Millionen Einwohnern wurde seit fast einem Jahrhundert nicht mehr direkt von einem grossen Hurrikan getroffen. In St. Petersburg hatten am Samstag nur wenige ihre Fensterfronten verbarrikadiert. «Fünf Tage lang sagen sie uns, dass er an der Ostküste sein wird, und jetzt, 24 Stunden, bevor er uns trifft, wird uns gesagt, er kommt die Westküste rauf», sagt der 52-jährige Anwohner Jeff Beerbohm. Er ist verärgert über die Prognosen.

Bis zur letzten Minute werden Schulen und andere befestigte Gebäude in Notunterkünfte umgewandelt. Die Washington Post berichtet von überfüllten Einrichtungen, teilweise fahren die Menschen in die nächste Stadt, um dort Unterschlupf zu finden. Die 68-jährige Betty Sellers aus Naples steht vor einer Notunterkunft im eine halbe Autostunde entfernten Estero an – in der Hoffnung, dort unterzukommen. Sie stützt sich auf einen Gehstock, an ihrer Seite ist ihr Sohn. Ob sie wirklich reinkommen, wissen sie nicht. Vor ihnen sind noch etwa hundert Menschen. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten des Hoffens und Bangens in diesen Tagen.

Bewohner in der Stadt Estero versuchen, zumindest einige ihrer Habseligkeiten in die relative Sicherheit einer Notunterkunft zu bringen. (Foto: Adrees Latif/REUTERS)

Tausende Soldaten mobilisiert

Insgesamt waren in Florida 6,3 Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen – fast ein Drittel der Bevölkerung. Miami Beach mit seinen normalerweise 100'000 Einwohnern gleicht zuletzt einer Geisterstadt, sagt Bürgermeister Phil Levine. Floridas Gouverneur Rick Scott mahnt evakuierte Küstenbewohner schon jetzt zu Geduld. Sie sollten nicht sofort in ihre Heimat zurückkehren, wenn Irma vorbeigezogen sei, so Scott. Es sei wichtig auf die Genehmigung der Behörden vor Ort zu warten, weil das Ausmass der Schäden vermutlich sehr gross sein werde.

Das US-Militär hat in Erwartung des Hurrikans Tausende Soldaten mobilisiert. Dem Verteidigungsministerium zufolge sind insgesamt fast 14'000 Angehörige der Nationalgarde in Alarmbereitschaft. Damit sollen Such- und Rettungsmissionen sowie Evakuierungen unterstützt werden. Mehrere grosse Marineschiffe bereiten sich ausserdem auf Hilfseinsätze vor.

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 256 Stundenkilometern war Irma zuvor über Kuba hinweggefegt. Der Hurrikan verursachte dort Überschwemmungen, schwere Schäden und Stromausfälle. Angaben über Opfer lagen vorerst noch nicht vor. In der Karibik sind mindestens 25 Menschen gestorben. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.09.2017, 10:48 Uhr

Artikel zum Thema

Strom in Altersheim fällt aus – acht Tote

Video Nach einem Stromausfall in Florida sind mehrere Bewohner eines Altersheims gestorben. Ursache könnte die Hitze gewesen sein. Mehr...

Die fünf stärksten Hurrikane seit Messbeginn

Der Hurrikan Irma fegte mit 295 Kilometern pro Stunde über die Karibik. Auch andere Hurrikane erreichten solche Rekordgeschwindigkeiten: Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Wie stoppt man einen Hitler?

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...