Hätte ein Bremsassistent den Unfall verhindert?

Der tragische Auffahrunfall am Gotthard wirft die Frage auf, inwiefern ein automatisches Bremssystem hätte eingreifen können.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Seit am Dienstag eine vierköpfige Familie vor dem Gotthard ums Leben gekommen ist, wird nach Gründen für den verheerenden Auffahrunfall gesucht. Offenbar fuhr der hintere Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit. Hatte das Fahrzeug keinen Notbremsassistenten? Oder wurde er vom Fahrer womöglich deaktiviert? Die Bremshilfe ist in vielen Lastwagen eingebaut, seit letztem Jahr ist sie für neue Lastwagen über 3,5 Tonnen Pflicht.

Der global tätige Lastwagenhersteller Scania erklärt auf Anfrage, wie solche Fahr- und Bremshilfen funktionieren. Ein sogenannter aktiv regelnder Tempomat sorgt dafür, dass das Fahrzeug einen gewissen Abstand zum vorderen einhält. Ein an der Stossstange montierter Radar misst die Distanz und geht von einem Standardabstand von zwei Sekunden aus. Der Fahrer kann die Geschwindigkeit auf der Instrumententafel einstellen. Der Radar erkennt allerdings weder den Gegenverkehr noch unbewegliche Gegenstände.

Das Video von Scania zeigt den Bremsassistenten im Test (ab 0.28). Quelle: Scania

Das zweite System, das den Fahrer vor zu nahem Auffahren schützen soll, ist der Notbremsassistent, auch Active Emergency Brake (AEB) genannt. Es greift sowohl auf einen Frontradar wie auch auf eine Kamera hinter der Frontscheibe zu. Nähert sich der Lastwagen zu schnell dem Vordermann, kann der Assistent das Fahrzeug über die Motorregelung und die Radbremsen verlangsamen. Das geschieht in drei Stufen: Erst wird der Fahrer mit einem akustischen Signal und rotem Licht gewarnt. Falls er nicht reagiert, bremst der Assistent das Fahrzeug leicht ab. Wenn der Fahrer immer noch nicht aktiv wird, bremst das System mit voller Kraft. Der Fahrer kann diesen Prozess unter anderem dadurch abbrechen, indem er selbst bremst, deutlich Gas gibt oder den Assistenten per Knopfdruck ausschaltet.

Manuell deaktivieren

Ausschalten kann der Chauffeur den Bremsassistenten auch schon vor der Fahrt. Laut René Schweizer, Sales Engineer bei Scania, ist dies manchmal sogar nötig – etwa wenn der Radar vom Schnee bedeckt ist. AEB kann vom Fahrer also selbstständig deaktiviert werden. Beim nächsten Starten des Lastwagens ist der Bremsassistent allerdings automatisch wieder aktiv.

René Schweizer vergleicht die Funktion des Chauffeurs mit derjenigen eines Flugzeugpiloten: «Der Pilot wird durch zahlreiche Systeme unterstützt, aber letztlich sind sie bloss Hilfsmittel – er selbst trägt die Verantwortung.»

Tom Glanzmann von der Beratungsstelle für Unfallverhütung sagte zu DerBund.ch/Newsnet, dass durch solche Fahrassistenzsysteme rund 50 Prozent der schweren Unfälle verhindert werden könnten. Im Jahr 2015 wurden auf Schweizer Autobahnen 76 Personen bei Auffahrunfällen schwer verletzt, drei getötet.

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