Franziskus im Strudel der Missbrauchsfälle

Der Papst ist viel stärker in Skandale ihm nahestehender Kardinäle und Bischöfe involviert, als er zugibt.

Bei der Abschlussmesse am Ende des Antimissbrauchsgipfels in Rom: Nachdenklicher Papst Franziskus. Foto: Getty Images

Bei der Abschlussmesse am Ende des Antimissbrauchsgipfels in Rom: Nachdenklicher Papst Franziskus. Foto: Getty Images

Michael Meier@tagesanzeiger

Null Toleranz sieht anders aus: Als Franziskus den australischen Kardinal George Pell 2014 nach Rom holte, informierte ihn dieser, gegen ihn laufe eine Untersuchung wegen Vertuschung. Trotzdem machte ihn Franziskus zum Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats. Als das Gericht in Melbourne Pell im Dezember wegen Kindesmissbrauchs verurteilte, entliess ihn Franziskus aus dem Kardinalsrat. Jetzt, wo das Urteil öffentlich wurde, teilte der Vatikan auf Twitter mit, Pell sei nicht länger dessen Finanzchef. Man werde nun ein kirchenrechtliches Verfahren eröffnen.

Der Fall Pell zeigt exemplarisch auf, dass Papst und Vatikan bei beschuldigten hochrangigen Würdenträgern erst auf staatliche Intervention hin reagieren. Wäre Pell nicht vor Gericht gezogen worden, wäre er vermutlich heute noch in Amt und Würden.

Aktuell holt Papst Franziskus der Fall von Gustavo Zanchetta ein, den er im Jahr 2013 zum Bischof des argentinischen Bistums Oran ernannt hatte. Als Zanchetta 2017 seine Diözese über Nacht verliess, berief ihn Franziskus auf einen eigens für ihn geschaffenen Posten in der vatikanischen Güterverwaltung. Die Zeitung «El Tribuno» berichtete, der Vatikan habe seit 2015 von Gustavo Zanchettas Übergriffen auf Seminaristen gewusst. Gerade hat sie ein amtliches Dokument veröffentlicht, wonach auf dessen Mobiltelefon pornografisches Material mit jungen Männern sowie Nackt-Selfies des Bischofs gefunden wurden.

Strudel von Skandalen

Noch immer belastet den Papst in seiner Heimat ein anderer Missbrauchsfall. Als Präsident der argentinischen Bischofskonferenz hatte er für den charismatischen Priester Julio Cesar Grassi ein Entlastungsgutachten ausarbeiten lassen. Grassi wurde 2009 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich in seinen Waisenheimen an Kindern vergangen hatte.

Seit im Januar 2018 der chilenische Bischof Juan Barros wegen Vertuschung zurücktreten musste, kommt Franziskus aus dem Strudel von Skandalen nicht mehr heraus. Im Sommer warf der frühere US-Nuntius Carlo Maria Viganò ihm vor, seit 2013 von den Verfehlungen des früheren Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick an Minderjährigen und Seminaristen gewusst, ihn aber dennoch gefördert zu haben. In Italien fällt derzeit die Ernennung von Mario Delpini als Erzbischof von Mailand auf Franziskus zurück. Der wird seit langem beschuldigt, als Weihbischof einen Missbrauchspriester versetzt und ihn dann in der Jugendarbeit eingeteilt zu haben.

Viel Unerledigtes von den Vorgängern

Zu all diesen Fällen schweigt sich Franziskus aus. Der Vatikan äussert sich nur auf äusseren Druck hin – nach dem Urteil gegen Pell und möglicherweise bald auch im Fall des Kardinals Philippe Barbarin von Lyon. Am 7. März wird das dortige Gericht sein Urteil gegen Barbarin wegen Nichtanzeige von (verjährten) Übergriffen veröffentlichen.

Wie lange kann Franziskus diese Fälle aussitzen? Dank seines Reformkurses und seiner Hinwendung zu den Armen geniesst dieser Papst nach wie vor grosse Sympathien. Er selber hatte sein Pontifikat mit einem ganz anderen Programm angetreten, als es ihm jetzt diktiert wird. Gewiss hat er im Umgang mit sexualisierter Gewalt viel Unerledigtes von seinen Vorgängern geerbt. Er selber aber ist weit stärker in die Vertuschung solcher Fälle involviert, als er zugibt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt