Die Viren-Stafette

Hintergrund

Grippe, heftige Erkältung und Durchfall: Hinsichtlich dieser Erkrankungen stellt der Januar 2013 Rekorde auf. Ist es Zufall, dass die drei Krankheiten genau gleichzeitig auftreten? Ja, sagen Experten.

Die Viren geben sich die Klinke in die Hand: Die Quarantänestation des Universitätsspitals Zürich. (Foto: 30. April 2009)

Die Viren geben sich die Klinke in die Hand: Die Quarantänestation des Universitätsspitals Zürich. (Foto: 30. April 2009)

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

Thomas Ley@thomas_ley

Wenn «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel an den Alltag von Kleinkindern denkt, dann fragt er provokativ: «Woher eigentlich nehmen wir die Gewissheit, dass Kinderkrippen Kindern guttun?» Köppel meint natürlich «gut» in Bezug auf die psychische Gesundheit und fordert bewusst all jene Eltern heraus, die sich eine Vollzeit-Nanny nicht leisten können.

Köppel hat keine Belege ausser seiner eigenen schlechten Erinnerung. Aber in einem hat er mit seinem bösen Verdacht recht – und das erfahren derzeit Zehntausende Eltern, die ihren Nachwuchs aus beruflichen Gründen in die Krippe geben müssen: Kinderkrippen machen krank, buchstäblich. Die Krankheiten heissen Erkältung, Grippe, Durchfall. Und der Januar 2013 stellt in dieser Hinsicht wieder Rekorde auf.

Krippen und Schulen als Brutstätten

«Wir haben derzeit aussergewöhnlich viele Fälle von Grippe und Respiratorischem Synzytial-Virus», sagt Prof. Christoph Berger, Co-Leiter der Infektiologie am Kinderspital Zürich, gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Genaue Zahlen habe er allerdings keine: «Dazu müssten wir die Viren ja bestimmen, was äusserst aufwendig wäre», so Berger, «und eigentlich unnötig. Denn die Symptomatik ist klar, und diese behandeln wir ja.»

Die Kleinen holen sich die Viren in den Krippen und Schulen und geben sie dann an ihre Eltern weiter. Entsprechend das Bild der Influenza-Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Das Sentinella-Meldesystem verzeichnet aktuell 49,3 Grippeverdachtsfälle auf 1000 Konsultationen, um die Hälfte mehr als die 33,8 Fälle in der Woche davor. Seit der Neujahrswoche lägen die Grippefälle damit über dem epidemischen Schwellenwert, so das BAG. Und tatsächlich sind die 5- bis 14-Jährigen am meisten betroffen.

Doch nicht nur Grippe- und RS-Viren geben sich die Klinke in die Hand. «Hinzu kommen jetzt auch immer mehr Fälle von Magen-Darm-Grippe», bestätigt Infektiologe Berger. Nicht nur bei den Kindern: «Wir stellen derzeit eine Welle einer systemisch wirkenden Magen-Darm-Grippe fest», bestätigt auch die Zürcher HNO-Spezialistin Prof. Monika Gericke-Estermann. Beim Kinderspital dasselbe: «Wir verzeichnen jetzt auch häufiger Norovirus-Ausbrüche», sagt Christoph Berger.

Woher kommt die Magen-Darm-Grippe?

Aber hat die Magen-Darm-Grippe etwas zu tun mit Grippe und Erkältungswelle? Gericke-Estermann ist skeptisch, Berger ebenfalls. «Die Noroviren sind nicht an die Saison gebunden», sagt Berger, «das könnte auch ein Zufall sein.» Sicher sei nur eines, erklärt Josef Jost vom Zürcher Zentrum für Infektionskrankheiten: «Es erkranken eher mehr Leute an respiratorischen Viren, und sie sind eher länger krank als sonst. Und die Influenza ist dieses Jahr stärker verbreitet als letztes Jahr.» Eine Magen-Darm-Welle stellt Jost nicht fest.

Umstritten ist auch eine Beobachtung, die bei den RS-Viren gemacht wurde: «Es scheint so, dass es bei ihnen Zwei-Jahres-Zyklen gibt, und dass wir derzeit in einem heftigeren Jahr sind», sagt Christoph Berger vom Kinderspital. «Doch in der Literatur ist noch nicht zweifelsfrei erwiesen, ob es diesen Zyklus gibt.»

Ärgerlich ist aber noch etwas anderes: Gegen die Grippe kann man sich auch impfen, und gemäss BAG deckt der diesjährige Impfstoff die effektiven Erreger auch sehr gut ab. Dennoch liegen seit Neujahr viele Erwachsene darnieder, weil der RS-Virus so aggressiv ist. Genaue Zahlen liegen nicht vor, weil das BAG keine entsprechende Erhebung durchführt. «Und einen Impfstoff gibt es ebenfalls nicht», bedauert Christoph Berger. «Allenfalls passive Impfstoffe, also ein Antikörper, für die bedrohtesten Gruppen wie Frühgeburten. Aber das taugt nicht zum Schutz von Erwachsenen.»

Also führt nichts daran vorbei, die Virenwelle durchzuhalten. Auf deren Ende freuen sich übrigens auch die Apotheken. «Anders als viele glauben, werden wir derzeit von Kunden nicht überrannt», sagt Lorenz Schmid, Inhaber der Zürcher Paradeplatz-Apotheke. «Wenn es kalt ist, haben wir weniger Frequenz, als wenn es warm ist, ganz einfach.» Ein Apotheker, der auf gesunde Kunden hofft. Das gibts.

DerBund.ch/Newsnet

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