Mordfall Adeline M.

Der Vergewaltiger von Genf

Der Vergewaltiger, der die Sozialtherapeutin Adeline M. ermordet haben soll, sitzt im polnischen Stettin in Haft. Offenbar wollte er dort eine frühere Therapeutin besuchen. Doch wer ist der Mann eigentlich?

Sicherheitskräfte bringen Fabrice Anthamatten ins Büro des Bezirksstaatsanwalts im polnischen Stettin.

Sicherheitskräfte bringen Fabrice Anthamatten ins Büro des Bezirksstaatsanwalts im polnischen Stettin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fabrice Michel Claude Anthamatten heisst der Mann, der so unscheinbar aussieht, mit vollem Namen. Der mutmassliche Mörder der 34-jährigen Sozialtherapeutin Adeline M. trägt seine braunen Haare kurz, die braunen Augen blicken durch eine Brille, die unauffälliger nicht sein könnte. Geboren vor 39 Jahren in Paris, besitzt Anthamatten sowohl den Schweizer als auch den französischen Pass. Er spricht Französisch und Englisch, mag Reisen nach Irland, scharfe Messer − und Frauen, die ihm vertrauen.

Seine beiden ersten Opfer jedenfalls haben Anthamatten vertraut, und sie wurden dafür bitter bestraft. Das erste, eine Frau von 32 Jahren, trifft den damals 26-Jährigen im August 1999 im französischen Ferney in der Nähe von Genf. Sie findet ihn sympathisch, man redet viel und lange. Schliesslich vertraut sie ihm an, dass sie mit 16 Jahren vergewaltigt worden ist, wie die Zeitung «Tribune de Genève» berichtet.

Ab diesem Moment zeigt Anthamatten sein wahres Gesicht. In der Nähe eines Rebberges legt er der Frau Handschellen an, zückt ein Messer und vergewaltigt sie. «Sie sagte Nein», wird Anthamatten später den Richtern zu Protokoll geben. «Doch ihr Verhalten liess einen glauben, sie sage Ja.» Er sei sich sicher gewesen, sie sei zu einem «Vergewaltigungstrip» bereit. Das Gericht verurteilt Anthamatten zu 18 Monaten Haft. Der Staatsanwalt legt Berufung ein.

Noch bevor es zum Berufungsprozess kommt, im August 2001, vergewaltigt Anthamatten zum zweiten Mal eine Frau in einem Wald nahe Ferney. Sie ist eine alte Bekannte. Auch sie bedroht er mit einem Messer. Auch ihr legt er Handschellen an. Bevor er sie befreit, nimmt er ihr 2500 Franc ab – und flieht nach Dublin, wo er Freunde hat. Mit der Idee, sich der Fremdenlegion anzuschliessen, kehrt er nach Frankreich zurück. Im Oktober 2001 wird Anthamatten wegen seiner ersten Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. 2003 erhält er 15 Jahre für seine zweite. «Im Gegensatz zu meiner ersten Vergewaltigung hatte ich keine Präservative dabei», hat er zuvor dem Gericht gesagt. «Es ist so, seit meinem ersten Delikt habe ich eine grosse Vergewaltigungsfantasie. Es ist jedes Mal ein guter Trip.»

«Hatte etwas Bestialisches»

Die französische Gerichtspsychiaterin Liliane Daligand, die Anthamatten anlässlich des zweiten Gerichtsprozesses begutachtete, hat keine guten Erinnerungen an den Straftäter: «Er hatte etwas Bestialisches an sich», sagte sie «Le Matin», als er noch auf der Flucht war. Ein «eisiger Mann», eine «Bombe, die jederzeit hochgehen kann». Die Gerichtsexpertin und Professorin der Universität Lyon ist davon überzeugt, dass Gewalt süchtig macht. Jetzt, da Anthamatten diese Droge gekostet habe, wolle er sie erneut konsumieren. Er werde erneut töten, wenn man ihn nicht so rasch als möglich finde.

Eben dies ist der Polizei in der polnischen Ortschaft Kolbaskowo nahe der deutschen Grenze am Sonntag gelungen. Anthamatten liess sich offenbar widerstandslos festnehmen, als man seinen weissen Citroën anhielt. Die Tatwaffe, zu der die Polizei keine näheren Angaben machte, befand sich im Rucksack des mutmasslichen Mörders. Laut «Le Matin» hatte Anthamatten in einem Genfer Geschäft ein rund 50 Franken teures Sackmesser bestellt. Es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass er sich beim Kauf vor Ort noch für etwas anderes entschieden hatte.

So oder so ist klar, dass der Vergewaltiger schon länger eine Faszination für Messer hegt. Laut der 35-jährigen Fabrice R., die 1996 während dreier Monate mit ihm liiert war, hat er immer wieder davon gesprochen, ihr mit dem Messer die Kehle durchzuschneiden. «Doch dann war er wieder liebevoll und fröhlich, sodass ich diese Aussagen nicht ernst nahm», sagte sie «20 Minuten». Als er ihr eines Abends das Brotmesser an den Hals hielt, machte sie Schluss.

Woher Anthamattens Faszination für Messer kommt, ist nicht bekannt. Über seine Kindheit und Jugend weiss man derzeit erst wenig. Sein Anwalt im zweiten Vergewaltigungsfall bezeichnete das familiäre Klima, in dem Anthamatten aufgewachsen sei, als «verfault». Seine Eltern hätten «zahlreiche auffällige Verhaltensweisen» aufgewiesen.

Auf dem Weg zu neuem Opfer?

Hat auch Adeline M. dem Straftäter vertraut, der offenbar äusserst charmant sein konnte? Eine Aussage ihrem Freund gegenüber jedenfalls lässt dies vermuten: Wie der «Blick» berichtete, sagte sie ihm, Anthamatten sei «ganz zahm». Möglicherweise hat es der Vergewaltiger auch geschafft, das Vertrauen einer weiteren Therapeutin zu gewinnen. Fabrice Anthamatten sei früher von einer Polin betreut worden, berichtete der polnische TV-Sender TVP gestern. Einen diesbezüglichen Tipp hätten die Sicherheitsbehörden von ausländischen Kollegen erhalten. Das könnte erklären, warum Anthamatten ausgerechnet nach Polen flüchtete. Die Therapeutin lebt in der Provinz Zachodniopomorskie, in welcher der Flüchtige auch die Grenze überquert hat. Daher spekulierte TVP, dass Anthamatten nach Polen ging, um sie zu töten oder um ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bis sich diese Frage klären lässt, wird es wohl noch etwas dauern. Die Genfer Behörden haben bereits ein Auslieferungsgesuch in die Wege geleitet. Mindestens drei bis vier Monate dürfte es nun dauern, bis Anthamatten in die Schweiz überführt wird. Ficht er eine Auslieferung an, kann sich das Verfahren auch verlängern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2013, 09:56 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

Artikel zum Thema

Genfer Behörden misstrauten Freigängen

Die Ausflüge von Insassen des Gefängniszentrums «La Pâquerette» hatten in Genf schon früh für Unmut gesorgt. Für eine lückenlose Kontrolle durch Staatsanwalt Zappelli fehlte jedoch die gesetzliche Grundlage. Mehr...

«Eine zwangsweise Kastration ist ethisch und rechtlich abwegig»

Interview Nach dem Genfer Tötungsdelikt wurden Rufe laut, Sexualstraftäter wie Anthamatten zu kastrieren. Marc Graf, leitender forensischer Psychiater, erklärt, was die Methode kann – und was nicht. Mehr...

Hier wird Anthamatten dem Staatsanwalt überbracht

Der mutmassliche Mörder von Adeline M. sitzt in Polen in Haft. Bilder zeigen, wie der 39-Jährige heute dem polnischen Staatsanwalt überbracht wird. Nun ist auch klar, weshalb er in Richtung Osten fuhr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...