Aktienkäufe, drei Bomben und dann ein Steak

Weder Islamist noch Neonazi. Der mutmassliche Bombenleger von Dortmund ist Börsenspekulant und Elektrotechniker. Die Rekonstruktion eines Anschlags.

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Am 11. April verzeichnete die Aktie von Borussia Dortmund einen Kursabfall. Notierte sie am Vortag bei 5.75 Euro, war sie nun noch 5.50 Euro wert. Ein Abfall von gut vier Prozent. Kein finanzielles Desaster. Doch über längere Zeit betrachtet der auffälligste Wertverlust des Fussballvereins.

Darauf hatte Sergei W. spekuliert. Am Tag des Börsenabfalls sitzt der 28-jährige Deutsch-Russe im L’Arrivée Hotel & Spa in Dortmund. Um 19.16 Uhr, rund 40 Meter von der Hotelausfahrt entfernt, detonieren in einer Hecke gleichzeitig drei Sprengsätze. Sie beschädigen den Mannschaftsbus entlang der rechten Seite. Der BVB-Spieler Marc Bartra wird schwer am Arm verletzt. Ein Motorradpolizist, der den Bus eskortiert, erleidet ein Knalltrauma. Der mutmassliche Zünder der Bomben: Sergei W. Sein Motiv: Börsenspekulation.

Die Erkenntnis läuft entgegen bisherigen Spekulationen. Bisher fokussierten die Ermittler verschiedenste Täterprofile: radikale Islamisten, militante Neonazis, Linksextremisten oder Hooligans wurden genannt. An einen Elektrotechniker mit Ambitionen im Börsengeschäft hatte wohl kaum jemand gedacht. An einen, der einst als Elektroniker-Lehrling einen Preis an der Berufsschule gewann. Manchmal ist es die Banalität des Bösen, die selbst erfahrene Ermittler überrascht.

Kreditaufnahme und Kauf von Put-Optionen

Im Falle eines noch deutlicheren Kursverlusts der BVB-Aktie hätte er einen Millionengewinn machen können. Sergei W. hatte sich zuvor vom Hotel aus ein Aktienpaket gekauft: 15'000 Optionsscheine im Wert von 78'000 Euro, wie die «Bild» schreibt. Es handelte sich um Put-Optionen, mit denen man auf fallende Kurse setzt. Gemäss Recherchen der «Welt»nahm Sergei W. Anfang April einen Kredit in Höhe von 40'000 Euro auf.

Einem Mitarbeiter der Comdirect-Bank erschien der Kauf verdächtig: Er übermittelte der Polizei eine Verdachtsanzeige wegen Geldwäscherei. Es brachte die Ermittler damit auf jene heisse Spur, die in die unmittelbare Nähe des Attentats vom 11. April führte. Das Bundeskriminalamt (BKA) überprüfte Sergei W.s Konto. Es wurde festgestellt, dass die Ankäufe über die IP-Adresse des Hotels L’Arrivée getätigt wurden.

Der BVB hatte von einem Online-Finanzdienstleister bereits vergangene Woche einen Hinweis auf ein ungewöhnliches Wettgeschäft im Bezug auf die BVB-Aktie erhalten. Der Deutsch-Russe plante die Aktion offenbar weit im Voraus. Ob es weitere Mittäter gibt, ist zurzeit nicht bekannt.

Mitte März soll Sergei W. ein Zimmer im Hotel gebucht haben. Er wählte dafür die Zeiträume 9. bis 13. April sowie 16. bis 20. April. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, an welchem Tag das Heimspiel von Borussia Dortmund und AS Monaco stattfinden wird.

Zimmer mit Sicht zur Strasse

Schon beim Einchecken zeigte Sergei W. Auffälligkeiten. Bei seiner Ankunft am 9. April lehnte er zunächst das ihm zugewiesene Zimmer ab. Angeblich weil es kein Fenster zur Strasse hatte. Dadurch hätte er auch den späteren Anschlag nicht sehen können. Er entschied sich für das Dachgeschoss – mit unmittelbarem Blick auf den Anschlagsort.

Am Abend des 11. Aprils war es dann so weit. Zeitgleich explodierten die drei Sprengsätze. Bestückt mit Metallstiften, gezündet per Fernsteuerung. Die Detonation war so stark, dass sich die Metallsplitter in die gegenüberliegende Hauswand bohrten. Eine Anwohnerin sagte der ARD, dass ihre gesamte Hauswand gezittert hätte. Gemäss «Welt» könnte der Sprengstoff aus den Beständen der Bundeswehr stammen. Dazu passt, dass Sergei W. eine gewisse Zeit bei der Bundeswehr verbrachte: Gemäss Informationen des Spiegel war er von April bis Dezember 2008 Wehrdienstleistender im Lazarettregiment Dornstadt. Dort wurde er in einer Unterstützungseinheit für Sanitäter eingesetzt, die sich um Instandsetzung und Elektrotechnik kümmerte.

Gross war die Aufregung auch bei den Gästen im Hotel L’Arrivée – ausser bei Sergei W. Aufgeschreckt durch die Explosion liefen die Leute nervös in den Gängen rum. Der Deutsch-Russe begab sich derweil in aller Seelenruhe ins Restaurant und bestellte ein Steak. So jedenfalls beschreibt es die «Bild».

Verwirrende Spuren

Nach dem Anschlag folgten die Ermittler zunächst einer Spur der Verwirrung. Am Tatort fanden sie gleich mehrere Bekennerschreiben. Die Botschaften liessen zunächst auf einen islamistischen Anschlag schliessen. Islamwissenschaftler und Kriminologen äusserten jedoch schnell erste Zweifel: Die Art des Bekennerschreibens sei eher untypisch für islamistische Terroristen. Es kam der Verdacht auf, dass der Attentäter bewusst eine falsche Fährte legen wollte.

Ein weiteres Bekennerschreiben, das auf der Webseite Linksunten Indymedia publiziert wurde, galt ebenso als unglaubwürdig, wie eine E-Mail mit Neonazi-Duktus, die an die Redaktion des «Tagesspiegels» geschickt worden war.

Seither hielt der Fall mehr als 230 Mitarbeiter des BKA und des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts auf Trab. Am Wochenende wurden gar noch zusätzliche Kräfte aufgeboten. Sergei W. befand sich gerade auf dem Weg zur Arbeit an der Universität in Tübingen, als er festgenommen wurde. Ihm wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.

(mrs)

Erstellt: 21.04.2017, 10:26 Uhr

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