30’000 Pfund für tödliche «Fly & Drive»-Reise nach Europa

Hinter der Tragödie von Grays könnte die berüchtigte «Snakeheads»-Bande aus China stecken. Eine Insiderin erklärt, wie der Menschenschmuggel funktioniert.

Menschenschmuggel mit chinesischen Opfern: Forensiker untersuchen den Lastwagen, in dem <nobr>39 Tote</nobr> entdeckt wurden.

Menschenschmuggel mit chinesischen Opfern: Forensiker untersuchen den Lastwagen, in dem 39 Tote entdeckt wurden.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Nach dem grausigen Fund in einem Lastwagencontainer in Grays steht eine chinesische Menschenschmugglerbande unter Verdacht, die für 39 Menschen tödliche Reise nach Europa organisiert zu haben. Bei den Drahtziehern dieses Verbrechens soll es sich um die berüchtigte «Snakeheads»-Bande aus China handeln, wie die britische Zeitung «Mirror» berichtet.

Die «Snakeheads»-Bande ist in der chinesischen Region Fujian beheimatet. Die Bande sucht gezielt nach Menschen, die in Armut leben und von einem besseren Leben träumen. Sie verspricht gute Jobs in Europa oder anderen Teilen der Welt. Arme Menschen, die sich auf das verlockende Angebot der «Snakeheads»-Bande einlassen, zahlen viel Geld für ihren Traum. Laut «Mirror» kostet eine sogenannte «Fly & Drive»-Reise nach Grossbritannien pro Person 30’000 Pfund, also knapp 38’200 Franken. Dies berichtet eine aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannte Insiderin.

Mit Flugzeug nach Europa und dann weiter mit Lastwagen

Die illegal nach Europa eingeschleusten Chinesen haben in der Regel kein oder nur wenig Geld. Das heisst, dass sie sich bei der Schmugglerbande verschulden müssen. Sobald sie in Europa eine Arbeit haben, müssen sie mit der Schuldentilgung beginnen. Sie haben drei Jahre Zeit, um die Schulden zurückzuzahlen. Falls sie das nicht tun, geraten ihre Familienangehörigen in China unter Druck der «Snakeheads»-Bande.

Die Menschenschmuggler organisieren Flüge von China nach Europa und danach die Weiterfahrten, die in Lastwagen und Kühlcontainer erfolgen. Bei solchen Fahrten sind die Bedingungen für die Lastwageninsassen sehr schlimm: totale Dunkelheit und oft eisige Kälte, kein Wasser und kein Essen, keine Lüftung und keine Toilette. In Grossbritannien können die chinesischen Schmuggler auf lokale Komplizen zählen.

In Grossbritannien entdeckten Polizisten im Container eines Lastwagens 39 Tote. Quelle: AP/Webvideo Tamedia

Beim Leichenfund in Grays sind noch zahlreiche Fragen offen. Möglicherweise erfroren die 31 Männer und 8 Frauen, da der grosse LKW-Sattelauflieger zur Kühlung geeignet ist. Offiziell bestätigt ist die Todesursache noch nicht. Die 39 Leichen werden noch obduziert. Unklar ist auch, ob der unter Mordverdacht festgenommene Lastwagenfahrer überhaupt wusste, dass Menschen im Anhänger waren. Der in Nordirland verhaftete 25-jährige Mann stehe weiter unter Mordverdacht und bleibe in Haft, teilte die Polizei mit. Zudem gab sie bekannt, dass am Freitag zwei weitere Personen festgenommen worden seien. Bei ihnen handle es sich um einen 38 Jahre alten Mann und eine Frau gleichen Alters. Ihnen würden Menschenhandel in 39 Fällen sowie Totschlag in 39 Fällen vorgeworfen.

Der Lastwagen war aus Belgien per Schiff gekommen und erreichte in der Nacht zum Mittwoch den englischen Hafen Purfleet. Der Chef des Hafens in Zeebrugge, Joachim Coens, sagte, es sei «höchst unwahrscheinlich», dass die Menschen in Belgien in den Anhänger gestiegen seien. «Ein Kühlcontainer kommt hier vollständig versiegelt an. Bei der Inspektion wird die Dichtung überprüft, und auch das Nummernschild und der Fahrer werden mit Kameras überprüft.» Anschliessend werde die Fracht auf ein Schiff verladen. Möglicherweise war der Lastwagen aus Bulgarien nach Belgien gekommen. Gemeldet war das Fahrzeug seit 2007 in der Hafenstadt Warna am Schwarzen Meer.

Die im «Mirror» zitierte «Snakeheads»-Kennerin sagt, dass solcher Menschenschmuggel normalerweise funktioniere. «Irgendetwas ist diesmal schiefgelaufen, aber die Bande wird weitermachen.» Zudem seien Menschen, die der Armut entfliehen möchten, bereit, grosse Risiken auf sich zu nehmen.

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