«Immerhin haben sie mich nicht gegrillt»

Die neue UNO-Kommissarin für Menschenrechte wurde einst selbst gefoltert: Michelle Bachelet – Chiles Ex-Präsidentin.

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Was es heisst, wenn Menschenrechte auf brutalste Art missachtet werden, hat die neue UNO-Menschenrechtskommissarin am eigenen Leib erfahren. Als 1973 in ihrem Heimatland Chile das Militär gegen Salvador Allende putschte, blieb ihr Vater, der Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, loyal zur gewählten Regierung. Er wurde ins Gefängnis geworfen, gefoltert und starb an den Folgen. 

Auch seine damals knapp über 20-jährige Tochter Michelle wurde verhaftet. «Man hat mir eine Kapuze über den Kopf gezogen, mir gedroht und mich geschlagen, aber immerhin haben sie mich nicht gegrillt», berichtete sie 2014 dem Sender TV Chilevisión. Mit «Grill» meinte sie ein Metallgestell, das unter Strom gesetzt wurde.

Später war Bachelet zweimal Chiles Präsidentin, eine Art historische Wiedergutmachung, und am Mittwoch hat UNO-Generalsekretär ­António Guterres die 66-Jährige als Menschenrechtskommissarin nominiert. Die UNO-Vollversammlung hat der Personalie am Freitag zugestimmt. Der Schweizer Menschenrechtsexperte Nils Melzer blieb chancenlos.

«Anfangs spürte ich viel Wut, einen abgrund­tiefen Schmerz.»

Michelle Bachelet und ihre Mutter flohen 1975 aus Chile über Australien nach Europa – in die DDR, die Dissidenten bereitwillig Asyl gewährte. Sie studierte in Leipzig und Berlin ­Medizin, wurde Kinderärztin. 1979 kehrte sie in ihr Heimatland zurück und arbeitete mit an der Rückkehr zur Demokratie. Sie wurde Gesundheitsministerin und übernahm 2002 als erste Frau das Verteidigungsressort.

Dieser Schritt kostete sie nicht wenig Überwindung, denn nun stand sie einer Armee vor, in der noch viele alte Kameraden aus der Diktatur Dienst taten, die an Folter und Verfolgung beteiligt gewesen waren. «Anfangs spürte ich viel Wut, einen abgrund­tiefen Schmerz», berichtete sie. «Ich konnte mir nicht vorstellen, mit ­manchen Personen Dialoge zu ­führen – doch später tat ich es.»

Unter Bachelet begann der Umbau der Armee. Sie gewann so viel an Popularität, dass ein Linksbündnis sie 2006 in die Präsidentschaftswahl schickte, die sie gewann. Vier Jahre später schied sie mit den höchsten je erreichten Zustimmungsraten aus dem Amt. Sie wäre sicher wiedergewählt worden, doch Chiles Verfassung erlaubt keine zwei Amtszeiten am Stück. Ban Ki-moon holte sie als Leiterin der Frauenorganisation UN Women zu den Vereinten Nationen, eher eine Parkposition wohl, denn 2013 trat Bachelet erneut in Chile an und gewann mit triumphalen 62,2 Prozent.

Empathisch und verbindlich

Doch ihre zweite Amtszeit stand unter keinem guten Stern. Ihr Image litt unter dem Vorwurf der Vetternwirtschaft zugunsten ihres Sohnes. Den Anschuldigungen trat sie nie entschlossen genug entgegen – auch sonst konnte sie es gegen Ende ihrer zweiten Amtszeit niemandem mehr recht machen.

Im neuen Amt wird Bachelet ebenfalls von einer konfliktreichen Atmosphäre empfangen. Als Menschenrechts­kommissarin wird sie in Genf eng mit dem umstrittenen Menschenrechtsrat zusammenarbeiten, den die USA voriges Jahr erbost verlassen haben. Doch Bachelet mag im persönlichen Umgang sehr empathisch und verbindlich sein. Als konfliktscheu hat sie sich deswegen aber nicht erwiesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2018, 17:42 Uhr

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