Mutige Offenheit für alle Türkinnen

Die türkische Sängerin Sila Gençoglu ist ein Opfer häuslicher Gewalt und ging damit an die Öffentlichkeit.

Türkinnen danken ihr für ihren «beispielhaften Mut»: Popstar Sila Gençoglu. Bild: PD

Türkinnen danken ihr für ihren «beispielhaften Mut»: Popstar Sila Gençoglu. Bild: PD

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Blaue Flecken an Beinen und Armen, Blut im Urin, Schwellungen und Schlagspuren im Gesicht, Ödeme unterm Knie. Der Arztbericht lässt ahnen, welches Martyrium die Türkin Sila Gençoglu erlebt haben muss. Sie selbst spricht von einer «vernichtenden Erfahrung, die augenblicklich alles auslöscht, was du im Leben erreicht hast». Sila Gençoglu – Künstlername einfach Sila – ist ein türkischer Superstar, mühelos füllt sie Stadien. Auf Twitter hat Sila fast 6 Millionen Follower. Das soziale Medium nutzte die 38-Jährige auch, um mitzuteilen, was ihr vor ein paar Tagen passiert ist, in der Villa ihres Lebensgefährten, des bekannten türkischen Schauspielers Ahmet Kural.

Es falle ihr schwer, die richtigen Worte zu finden, schrieb sie, «also sage ich es besser direkt: Ich bin Opfer häuslicher Gewalt geworden.» Es sei nicht einfach, öffentlich darüber zu sprechen, «aber wenn ich jetzt schweige, dann verrate ich nicht nur mich, sondern alle Frauen dieses Landes.»

Die Popsängerin hat mit ihrer Offenheit und ihrer Prominenz eine Art Welle ausgelöst. Die Familienministerin rief an und versicherte Sila, sie stehe an ihrer Seite. In den sozialen Netzwerken dankten ihr bekannte und unbekannte Türkinnen für «beispielhaften Mut». Eine Frau drohte einer Bank mit einem Aufruf zum Kontenboykott, weil der Schauspieler Kural dort Werbung macht. Die Bank gab wegen ihrer «ethischen Grundsätze» jetzt die Trennung von ihrem bisherigen Imageträger bekannt.

20 tote Frauen pro Monat

In der Theorie haben die Frauen in der Türkei dieselben Rechte wie in den meisten europäischen Ländern. Aber allein im Oktober kamen 34 Frauen durch Gewalt zu Tode, Täter waren Ehemänner, abgewiesene Partner, Verwandte. Diese Statistik des häuslichen Horrors hat eine Anti-Gewalt-Plattform von Frauen zum Fall Sila veröffentlicht. Die Regierung nannte eigene Zahlen: 20 tote Frauen pro Monat. Kritikerinnen sagen, diese Liste sei unvollständig, viele Fälle würden als Suizid getarnt. Ahmet Kural, der erst alles abstritt, und sich dann – womöglich nach Beratung mit seinem Anwalt – schriftlich bei Sila «und allen Frauen» entschuldigte, bekam inzwischen ein dreimonatiges Kontaktverbot. Dass es so etwas gibt, wissen viele gar nicht. Aktivistinnen twitterten, «Frauen, merkt euch das Gesetz 2684.»

Schon früher fiel Sila Gençoglu als mutige Frau auf. Sie war nach dem Putschversuch von 2016 zu einer Grosskundgebung mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan eingeladen. An dieser «Show» aber wollte sie nicht teilnehmen. Daraufhin sagten von der Erdogan-Partei AKP regierte Kommunen Sila-Konzerte ab, die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen «Herabsetzung der türkischen Nation» ein. Im Februar 2018 sperrte der Staatssender TRT sechs ihrer Songs.

Nun meldete sich die islamistische Zeitung «Akit», sie kritisierte die Sängerin, weil sie unverheiratet mit einem Mann zusammengelebt habe. «Akit» warf auch noch der Ministerin, die Sila zur Seite stand, vor, sie habe sich «nicht wie eine Familien- sondern wie eine Frauenministerin» betragen – für das Islamistenblatt ist das offenbar ein Widerspruch. Sila dagegen tat noch mehr für die Aufklärung, sie schrieb: Gewalt habe «mit Liebe nichts zu tun».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 19:50 Uhr

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