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Jetzt ist die britische Krise perfekt

Die Königin ist ein Symbol für die Einheit des Landes. Doch nun wird sie von einer Frage überwältigt, die die Monarchie ins Wanken bringt.

Die königliche Familie ist für Grossbritannien staatstragend. Man kann seine Zugehörigkeit nicht einfach ablegen. Queen Elizabeth II., Herzogin Meghan und Prinz Harry (v.l.). Foto: Matt Dunham (AP)
Die königliche Familie ist für Grossbritannien staatstragend. Man kann seine Zugehörigkeit nicht einfach ablegen. Queen Elizabeth II., Herzogin Meghan und Prinz Harry (v.l.). Foto: Matt Dunham (AP)

Historisch betrachtet ist es faszinierend zu sehen, wie sich im britischen Königshaus die immer gleichen Lebensmotive seit Generationen wiederholen: Macht und Ohnmacht der Familienmitglieder, die Spannung zwischen öffentlicher Pflicht und privatem (Un-)Glück, Haupt- und Nebenrolle in der Hierarchie des Hauses und schliesslich der Umgang mit einer Öffentlichkeit, deren Lebenswelt im krassen Widerspruch steht zur Scheinwelt, die in die Monarchie hineinprojiziert wird.

All das reicht aus, um selbst einen von Babyzeiten an geprägten und gestählten Charakter aus dem Gleichgewicht zu bringen und zu einer Entscheidung zu treiben, wie sie nun Prinz Harry und Herzogin Meghan getroffen haben: raus aus dem Wahnsinn, Abstand, Eigenständigkeit (zum Bericht). Allerdings: Selbst mit einer Flucht über den Atlantik entkommt die Familie Sussex nicht der Falle, in die zumindest Harry qua Geburt gesteckt wurde. Die konstitutionelle Monarchie ist eine Staatsform, die Familie des Staatsoberhaupts ist im Verfassungsverständnis des Vereinigten Königreichs im wahrsten Wortsinn staatstragend, und die Funktion lässt sich nicht so einfach von der Person trennen und ablegen wie ein Mantel.

Grossbritannien geht durch die schwerste politische Phase seines jüngeren Daseins. Der Brexit und die politische Polarisierung haben das Land unter Spannung gesetzt, wie sie seit Menschengedenken selten zu beobachten war. Die Brexit-Vereinbarung hat sezessionistische Wünsche befördert, die nur wenige Jahre nach dem gerade noch einmal gescheiterten Schottland-Referendum zu einer neuerlichen Gefahr für den Zusammenhalt des Landes werden können. Nein, der Brexit ist noch lange nicht vorüber – er fängt gerade erst an.

Dem Land steht die grösste Zäsur bevor

In dieser Phase ist die Königin keine nette ältere Dame mit Handtasche, sondern – nicht nur in monarchistischen Kreisen – Symbol für Einheit und Geschlossenheit des Vereinigten Königreichs. In einem Land, in dem sich nur noch wenige Bürger auf ein gemeinsames politisches Fundament einigen können und wo sich die Politik entwertet hat, ist diese Symbolfunktion von höchstem, womöglich letztentscheidendem Wert.

Königin Elizabeth II. aber ist alt geworden, sie hat die Monarchie als Staatsform durch viele Krisen geführt und durch ihre schiere Präsenz stets am Leben erhalten. Jetzt steht dem Land die grösste Zäsur bevor: die Übergabe des Throns. Dabei haben es die Krone – die Familie und der Hofapparat -, aber vor allem auch der Premierminister als politischer Generalbevollmächtigter dieses Verfassungskonstrukts versäumt, die Monarchie in ein modernes Gewand zu kleiden. Elizabeth II. wird in der letzten Phase ihrer Regentschaft von jener Frage überwältigt, welche die Monarchie stets ins Wanken brachte: Wie begründe und organisiere ich ein System, das seinen Machthaber per Geburtsglück bestimmt? Wie stelle ich sicher, dass die Last des Amtes und der Verfassungskonstruktion seinen Amtsinhaber nicht erdrückt – oder umgekehrt vom unglücklichen Erben zerstört wird (selbst wenn der nur an sechster Stelle der Thronfolge wartet)?

Harrys und Meghans Entscheidung verdient alle private Sympathie, aber sie kann nicht davon ablenken, dass die Monarchie auf viel grössere Entscheidungen wartet. Die britische Staatskrise ist nun wahrhaft umfassend.

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