Angemacht und angekotzt

Die Stewardess Ally Murphy und die betrunkenen Passagiere.

Die ehemalige Crewchefin der Virgin Airline: Ally Murphy. Bild: BBC (Printscreen)

Die ehemalige Crewchefin der Virgin Airline: Ally Murphy. Bild: BBC (Printscreen)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Über 1100 Leserinnen und Leser haben ihren Text kommentiert, den sie am Montag im «Guardian» publizierte. Das ist ein ansehnlicher Beleg für das Interesse, das Ally Murphy mit ihrer Kritik ausgelöst hat. Diese handelt davon, wie ausfällig sich betrunkene Männer gegenüber dem Flugpersonal benehmen. Murphy hat eine Ahnung, wovon sie schreibt; sie hat 14 Jahre lang als Stewardess gearbeitet.

Je konkreter die ehemalige Crewchefin von Virgin Airline in ihrem Text wird, desto besser versteht man ihren Eindruck, wonach Stewardessen von bestimmten Passagieren als «Barmaids in the sky» wahrgenommen würden, fliegende Barfrauen. Von denen offenbar angenommen wird, dass sie sich alles gefallen lassen müssen. Sie sei bei ihrer Arbeit beschimpft, bedroht, angekotzt, angemacht und begrapscht worden, schreibt Murphy. Ein Betrunkener in der ersten Klasse habe sie in sein Bett gezerrt. Ein anderer habe im Vollrausch die Notfalltüre zu öffnen versucht.

Was Murphy in ihrem Gastbeitrag schreibt und in einem Interview mit der BBC ausführt, wird von vielen Passagieren bestätigt. Sie erzählen von herumtaumelnden Männern, die Personal und Passagiere beschimpfen, vorzugsweise mit einem sexistischen und rassistischen Vokabular. Kolleginnen von Ally Murphy schildern ähnliche Vorfälle, sie reichen von massiver sexueller Belästigung bis zu Tritten und Schlägen. Am häufigsten passiert das offenbar auf Touristenflügen nach Ibiza oder Palma. Warum Murphy denn keine Anzeige bei der Polizei erstattet habe: Sie gibt die Antwort gleich selber. Traurigerweise akzeptiere man das als Teil des Jobs. «Und das ist falsch: Man sollte es nicht akzeptieren.»

Wie eine britische Statistik zeigt, ist die Zahl festgenommener Passagiere vor oder während eines Fluges alleine im letzten Jahr von 255 auf 387 gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil es einiges braucht, bis ein Betrunkener verhaftet wird. In einer gewerkschaftlichen Umfrage gab eine von fünf befragten Flugbegleiterinnen an, angegriffen worden zu sein.

Ally Murphys Stellungnahmen befeuern eine Kontroverse, die seit einiger Zeit andauert, und das nicht nur in Grossbritannien: Ob es nicht kontraproduktiv ist, wenn Passagiere sich im Duty-free-Laden mit Alkohol versorgen können, den sie dann im Flugzeug trinken? Verschiedentlich wird verlangt, an den Flughäfen keinen Alkohol vor 10 Uhr abends zu verkaufen.

«Gefangen zu sein in einer Metallröhre, die mit 800 Kilometer pro Stunde durch den Himmel rast», schreibt Ally Murphy: Das sei eine ungewöhnliche Erfahrung, die Stress auslösen könne und von manchen mit Alkohol behandelt werde. Sie selber braucht die Erfahrung nicht mehr: Murphy hat bei Virgin Airline gekündigt. Die betrunkenen Männer, sagt sie, seien ein entscheidender Grund dafür gewesen.

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