Warum Harvey Weinstein und nicht Woody Allen?

Es wird zu wenig differenziert bei der Verurteilung von Männern, die ihre Macht missbrauchten, um andere zum Sex zu zwingen.

Nicht verboten, aber sehr seltsam: Woody Allen ist mit seiner Adoptivtochter Soon-Yi Previn verheiratet. Foto: Reuters

Nicht verboten, aber sehr seltsam: Woody Allen ist mit seiner Adoptivtochter Soon-Yi Previn verheiratet. Foto: Reuters

Jean-Martin Büttner@Jemab

Harvey Weinstein wartet mit einer Fussfessel auf seinen Prozess. Kevin Spacey ist untergetaucht, lebt irgendwo an der Ostküste, Freunden zufolge arbeitet er sein Leben auf. Öffentlich sagt er nichts, das haben ihm seine Anwälte geraten. Bill Cosby wurde wegen mehrfacher sexueller Belästigung verurteilt. Er sollte seine Haftstrafe im September antreten, aber sein Anwalt hat Berufung eingelegt. Cosby und Spacey wurden aus der Öffentlichkeit radiert, viele Auszeichnungen wurden ihnen nachträglich aberkannt. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie je noch einen Film machen werden in ihrem Leben.

Wer heute als Mann seine Macht einsetzt, um Sex zu erzwingen, muss damit rechnen, dass das bekannt wird und seine Karriere zu Ende ist. Das ist ein grosser Fortschritt bei einem Vergehen, das fast nie gesühnt wurde, weil sich die Opfer nicht zu wehren trauten.

Und doch verspürt man ein Unbehagen, weil über soziale Medien und einen Teil der Presse der Eindruck vermittelt wird, es solle gar nicht mehr zwischen den Tätern unterschieden werden. Die permanente Empörung bei #MeToo hilft nicht wirklich beim Unterscheiden. Nehmen wir Woody Allen als Beispiel, der bis heute nicht verurteilt wurde und trotzdem permanent verurteilt wird. Zwar dreht der 82-Jährige einen Film nach dem anderen, weitherum geachtet, scheinbar unbehelligt. Dabei hat er die Adoptivtochter seiner ehemaligen Frau Mia Farrow geheiratet, was nicht verboten ist, aber sehr seltsam.

Ronan Farrow wünscht auch seinem Vater Woody Allen eine Enthüllung. 

Vor allem hat ihm seine Tochter Dylan vorgeworfen, er habe sie im Estrich ihres Hauses belästigt, als sie sieben Jahre alt war. Es kam zum Prozess bei weltweitem Interesse, es gab aber kein Urteil. Woody Allen hat den Vorwurf stets bestritten und wirft seiner Ex-Frau vor, aus Rache eine Intrige gegen ihn lanciert zu haben.

Doch Mia Farrow hat einen guten Verbündeten: ihren Sohn Ronan Farrow. Er war ein hochbegabtes Kind, das mehrere Klassen übersprang. Er war es auch, der Weinsteins Taten enthüllte. Dem Interview nach zu schliessen, das er jetzt dem «Spiegel» gegeben hat, wünscht er auch seinem Vater eine Enthüllung. Er fragt sich, wieso der ungestört habe weiterarbeiten können. Und erzählt von der enormen Macht, die reiche Männer über andere hätten – und auch über die Presse.

Einmal verdächtigt, für immer verurteilt.

Warum muss Allen nicht ins Gefängnis? Die mutmassliche, einmalige Belästigung seiner Tochter ist bis heute nicht bewiesen. Weinsteins Misshandlungen hingegen sind weitherum bekannt. Und auch wenn Kevin Spacey (noch) nicht vor Gericht musste, gibt es zahllose Zeugen – weil sie die Opfer waren, einige von ihnen nicht einmal volljährig. Es bestehen also gewaltige Unterschiede nicht nur zwischen den mutmasslichen und den überführten Tätern, sondern auch zwischen den Überführten selber. Aber den sozialen Medien und einem Teil der Presse ist das egal. Einmal verdächtigt, für immer verurteilt.

Denn das muss auch Ronan Farrrow klar sein: Kein Film und keine Ehrung wird seinen Vater vor der Erfahrung schützen, den Rest seines Lebens für den Vorfall öffentlich belangt zu werden, der sich angeblich auf dem Dachstock im Haus seiner Frau ereignet hat. Der Sohn selber sorgt mit dafür, dass die Öffentlichkeit nicht vergisst.

Der Sinn der Gerechtigkeit liegt darin, dass eine Tat bewiesen werden muss oder aber die Hinweise auf die Tat überwältigend gross sind und dass die Höhe der Strafe nach der Schwere des Deliktes zu bemessen ist. Wenn Farrow Harvey Weinstein mit Woody Allen vergleicht, tut er keines von beidem.

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