22 Kilo Bargeld im Kofferraum

Der russische Exminister Alexei Uljukajew muss acht Jahre ins Straflager.

Glaubte, er habe «erlesene Weine und noble Wurst» erhalten: der ehemalige Wirtschaftsminister Russlands Alexei Uljukajew. Bild: EPA/Yuri Kochetkov

Glaubte, er habe «erlesene Weine und noble Wurst» erhalten: der ehemalige Wirtschaftsminister Russlands Alexei Uljukajew. Bild: EPA/Yuri Kochetkov

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Alexei Uljukajew erschien ohne Koffer mit persönlichen Utensilien vor Gericht, dabei hätte er ihn gebraucht. «Das Gericht betrachtet die Schuld Uljukajews als gänzlich erwiesen», sagte die Richterin in Moskau, die Handschellen klickten und Russlands ehemaliger Wirtschaftsminister wurde abgeführt. Acht Jahre strenge Lagerhaft warten auf ihn, zudem soll er eine Busse von über acht Millionen Franken zahlen. Uljukajew wird Korruption vorgeworfen. Der 61-Jährige hat laut Gericht zwei Millionen Dollar Schmiergeld vom Chef des russischen Erdölgiganten Rosneft, Igor Setschin, erpresst für das Durchwinken eines Deals im Ölbusiness. Der Minister sei 2016 auf frischer Tat ertappt worden, als er eine Tasche mit 22 Kilo Bargeld im Kofferraum seines Autos verstaut habe. Ein grandioser Schlag im Kampf gegen die Korruption, so die offizielle Lesart.

Uljukajew beharrte bis zuletzt auf seiner Unschuld. Er gab zu, die Tasche angenommen zu haben, doch habe er geglaubt, darin befänden sich erlesene Weine und noble Wurst. «Ich bin das Opfer einer monströsen und grausamen Provokation», sagte er vor Gericht, grau und schmal im Gesicht. Und die meisten Russen sind geneigt, ihm zu glauben. Denn sie sind überzeugt, dass es bei seiner Verhaftung nicht um den Kampf gegen die Korruption geht, sondern um Machtkämpfe innerhalb der Führungsriege.

1 Million Dollar Lohn pro Jahr

Klar ist, dass Uljukajew zu den reichsten Staatsdienern des Landes zählt. Rund eine Million Dollar hat er pro Jahr verdient, Familienmitglieder kassierten aus unklaren Quellen ähnlich hohe Summen. Doch die Vorstellung, dass Uljukajew Schmiergeld vom mächtigen Setschin, dem engsten Freund von Präsident ­Wladimir Putin, erpresst haben könnte, sei völlig absurd, sagen Kreml-Kritiker. Andere weisen darauf hin, dass ein Schmiergeld von zwei Millionen Dollar auf einen Deal in der Höhe von fünf Milliarden Dollar lächerlich tief wäre.

Uljukajew gehörte in den 90er-Jahren zum Kreis der westlich orientierten Wirtschafts­politiker, die in Russland radikale Reformen durchsetzen wollten. Der Angriff auf ihn sei die Kampfansage der Geheimdienstfraktion im Kreml an die liberalen Wirtschaftsleute, lautet deshalb eine Deutungsversion. Der einstige liberale Finanzminister Alexei Kudrin nannte das Urteil grundlos und einfach nur schrecklich.

Doch Oppositionspolitiker und Antikorruptionskämpfer Alexei Nawalny widerspricht heftig. Uljukajew sei ein Dieb, daran bestehe kein Zweifel, sagt er in seiner gewohnt brüsken Art. Er sei kein Liberaler, sondern im System Putin gross geworden. Genauso sicher ist sich Nawalny allerdings, dass die Vorwürfe, für die Uljukajew gestern in Moskau verurteilt wurde, fingiert sind. Der Fall Uljukajew sei ein Warnsignal an die politische Elite, Putin im Wahljahr 2018 die Treue zu halten. Denn der lange Arm des Kremls erreicht jeden. Selbst einen Minister.

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