Deutsche Pendler müssen selber Schnee schaufeln

Die Neuschneemassen überfordern die Deutsche Bahn. Da legen die Fahrgäste schon einmal selber Hand an.

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Im Winter sind S-Bahn-Fahrer aus dem deutschen Solln einiges gewöhnt. Mal versinken die Perrons tagelang in Eis und Schnee, mal werden aus Sicherheitsgründen die steilen Zugangstreppen gesperrt, sodass die Leute lange Umwege in Kauf nehmen müssen. Auch diese Woche begann mit dem üblichen Ärger. Nur dass Fahrgäste diesmal selbst zur Schaufel griffen, um die Station begehbar zu machen. Am Montag und Dienstag mit von der schippenden Partie: sechs Asylbewerber aus der Forstenrieder Unterkunft, der Bundestagsabgeordnete Michael Kuffer, Lokalpolitiker, eine Sekretärin.

Die Station & Service AG der Deutschen Bahn sah sich bisher lediglich in der Lage, den Sicherheitsstreifen halbwegs frei zu halten. «Die Treppen zum Bahnsteig sehen schrecklich aus, alles voller Schnee und blankem Eis.» So schildert Reinhold Wirthl (CSU), was er seit Montag bei wiederholten Besuchen der Station beobachtet hat. Wirthl ist Sprecher des BA-Unterausschusses Verkehr und «Bahnhofspate» des Stadtbezirks. Seinen Augen nicht recht trauen wollte auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Michael Kuffer, der im Münchner Süden wohnt. Kuffer hatte am Montag vor, mit der S 7 in die Innenstadt zu fahren, griff dann aber erstmal zur Schneeschaufel, um sich und anderen Fahrgästen einen Weg zu den Gleisen zu bahnen.

Selber räumen: «saugefährlich»

So wie er legten auch andere Pendler Hand an. «Dann sind Leute gekommen, um sich zu bedanken», berichtet Wirthl. Bei allen Problemen für die Deutsche Bahn, die sich in den vergangenen Tagen auftürmten wie Schneewände, reagierte ein Sprecher des Unternehmens doch einigermassen perplex auf Fragen nach dem selbsternannten Räumdienst in Solln. Von derartigen Eigeninitiativen sei dringend abzuraten, mahnt er, sie seien «kontraproduktiv» und «saugefährlich für alle Beteiligten». Schon gar nicht dürfe Schnee auf die Gleise oder auf Weichen gekippt werden. Das führe zur Störung von elektrischen Kontakten und somit zu Zugausfällen.

Auch in der Schweiz müssen Bahnhöfe freigeschaufelt werden, etwa hier im Winter 2013 in Disentis. Foto: Keystone

Zugleich räumt der DB-Sprecher ein, dass es wegen des schweren Nassschnees derzeit zu «langen Räumvorgängen» durch eigene Abteilungen und Subunternehmen komme. «Wir haben Verständnis, wenn Leute sich über die Zustände ärgern. Aber sie sollen wissen: Allein in Oberbayern und im Allgäu sind bei dieser Extremschneelage 700 Bahnhöfe freizuräumen. Da kommen wir nicht überall rechtzeitig hinterher und müssen priorisieren.» Der Bahnsprecher bekräftigt die Verkehrssicherungspflicht seines Unternehmens. «Aber in diesen Tagen gelangen wir an unsere Kapazitätsgrenzen.»

hvw/SZ.de

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