Ex-Mann, Ausländer, Okkultisten: Wer alles verdächtigt wurde

Medien, Experten und selbst Politiker überboten sich mit Mutmassungen, wer den Rupperswiler Vierfachmord begangen hatte.

  • loading indicator
Thomas Knellwolf@KneWolf

Die 146 Tage zwischen der Auslöschung einer Familie in Rupperswil und der Pressekonferenz über die Aufklärung der Tat waren auch eine Zeit der Spekulationen. Viele Medien nahmen wenig Rücksicht auf Angehörige, die ihre Liebsten verloren hatten. «Drehte der Ex-Mann durch?», titelte der «Blick» nach der Tat in zentimetergrossen Lettern. Er outete den Betroffenen mit Vornamen und abgekürzten Nachnamen und zeigte das Gesicht verpixelt. Das Bild stammte von einer Firmenwebsite.

Das Blatt liess seine Leserschaft zudem auch an einem Augenschein teilhaben: «Die heisseste Spur führt zum Ex-Mann in den Kanton Luzern. Bei ihm zu Hause brannte gestern Abend kein Licht. Aber sein Auto stand da. Laut Nachbarn war gestern Nachmittag die Polizei vor Ort.»

Gerüchte brachte Trauernde zum Reden

Andere Zeitungen thematisierten zurück­haltender, die Möglichkeit eines Täters aus dem Umfeld ebenfalls – darunter der TA: «Handelte es sich um ein Familiendrama, allenfalls um einen sogenannten erweiterten Suizid?» Drei Wochen später witterte der «Blick» eine neue Fährte. Er zitierte einen «Nachbar der ermordeten Familie» mit den Worten: «Es heisst, Carla und ihr Freund hätten sich eine Woche vor der Tat getrennt. Es habe Streit ge­geben.»

Durch das kolportierte Gerücht brachte das Blatt den Trauernden zum Reden. Er «bricht sein Schweigen», hiess es auf der Frontseite Weiss auf Schwarz. «Von einer Trennung waren wir weit entfernt», stand weiter hinten zu lesen. «Es war voller Harmonie zwischen uns. Bis zum Schluss.» Auch beim Candle-Light-Dinner, von dem es heisst: «Über viele Stunden sassen wir dort zusammen.»

An den Spekulationen beteiligten sich auch Experten: Kriminalisten vermuteten in Medien, dass das Eintreiben von Schulden ausser Kontrolle geraten sei und alle Zeugen beseitigt wurden. Forensiker liessen sich zitieren, dass es höchstwahrscheinlich zwei oder mehrere Täter gewesen seien.

Wahlkampf für Durchsetzungsinitiative

Der damalige SVP-Präsident Toni Brunner machte mit Rupperswil gar Abstimmungs­kampf. Nur Tage vor dem Urnengang über die Durchsetzungsinitiative Ende Februar sagte er in einem Interview: «Würde mich gar nicht wundern, wenn im Fall Rupperswil kriminelle Ausländer dahintersteckten, aber die Behörden kommunizieren es nicht, aus Angst vor der Abstimmung. Die ermordete Frau hat ja am Morgen noch Euro abgehoben. Da läuten doch schon alle Alarmglocken! Da sind offensichtlich ausländische Straftäter am Werk.»

Allerdings war bereits damals bekannt, dass der Bancomat am fraglichen Tag ohnehin nur Euronoten ausgegeben hatte. Was Brunner ebenfalls verschwieg: Das Opfer war noch zu einer weiteren Bank gefahren und hob dort zusätzlich 9850 Franken ab.

Anfang Mai tischte der «Blick» schliesslich eine weitere Theorie auf. «Bekannte hegen bösen Verdacht», schrieb die Zeitung. «War Rupperswil ein Ritualmord?» Der Bericht stützte sich auf anonyme Hinweise, «die Böses belegen sollen»: «Die Mörder könnten aus dem Bekanntenkreis kommen.» Und: «Die Spur führt zu Okkultisten.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt