Im Rollstuhl zwischen die Fronten

Russland schickt Julia Samoilowa an den Eurovision Song Contest. Lässt der Gastgeber sie auftreten, hat die Ukraine ein Problem. Wenn nicht, auch.

Talentshow-Finalistin: Julia Samoilowa in Sotschi. Foto: Perwy Kanal

Talentshow-Finalistin: Julia Samoilowa in Sotschi. Foto: Perwy Kanal

Julian Hans@juli_anh

Sie wollte eigentlich immer nur singen, erinnert sich Julia Samoilowa. Das war ihr Traum, seit sie als Zehnjährige zum ersten Mal im Haus der Pioniere ihrer Heimatstadt Uchta aufgetreten ist. Da unterscheiden sich Mädchen im tiefen Nordosten Russlands nicht von Gleichaltrigen irgend­wo sonst auf der Welt. Aber für ein Mädchen, das wegen einer Muskelkrankheit seit dem Kleinkindalter im Rollstuhl sitzt, war es ein besonderer Traum. Wenn sie singe, fühle sie sich stark, sagt Samoilowa.

Nun hat ihre Nominierung für den Eurovision Song Contest (ESC) die 27-Jährige zwischen die Fronten eines internationalen Konflikts gebracht. Für Russlands Staatsmedien war der Ausgang des ESC vor einem Jahr ein Skandal. Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich unsichtbare Mächte gegen Russland verschworen hatten. Hatte nicht der russische Sänger Sergei Lasarew in der Zuschauerwertung vorn gelegen? Dann gab ihm die Jury eine so schwache Note, dass die Ukrainerin Jamala siegte. Auch noch mit einem Lied über die ­Deportation der Krimtataren!

Bis der staatliche erste Kanal am Sonntag die Nominierung von Julia Samoilowa verkündete, war unklar, ob Russland den Gesangswettbewerb am 13. Mai in Kiew nicht vielleicht sogar boykottieren würde. Aber das wäre eine schlechte Vorlage: Angesichts der bevorstehenden Fussball-WM im eigenen Land bemüht sich Moskau, den Boykott als gänzlich unwürdiges Mittel der politischen Auseinandersetzung zu brandmarken.

Folgenreicher Auftritt auf der Krim

Landesweit bekannt wurde Samoilowa als Finalistin der Talentshow «Faktor A». Dort hat sie Alla Pugatschowa unter ihre Fittiche genommen, seit einem halben Jahrhundert die unangefochtene Königin des russischen Schlagers. Sie hebt und senkt den Daumen über Karrieren im Showbusiness. Als Samoilowa sang, erhob sich die Matrone von ihrem Jurorensessel. 2014 sang Samoilowa zur Eröffnung der Paralympics in Sotschi.

Nun könnte sie auf Schwierigkeiten stossen, die selbst ausserhalb des Einflussbereichs Pugatschowas stehen. Am Montag gab der ukrainische Geheimdienst bekannt, es werde geprüft, ob Samoilowa einreisen dürfe. 2015 hatte sie in der Stadt Kertsch auf der Krim ein Konzert gegeben. Kiew wertet Reisen auf die 2014 von Russland annektierte Halbinsel als Grenzverletzung, wenn sie ohne Zustimmung der ukrainischen Behörden geschieht. Sie werden mit einer mehrjährigen Einreisesperre geahndet.

Die Nominierung Samoilowas bringt die Ukrainer nun in eine Zwickmühle: Entweder sie verweigern einer jungen Rollstuhlfahrerin mit breitem Lächeln die Teilnahme am ESC und zeigen sich damit vor der ganzen Welt als herzlos. Oder sie weichen von ihrem eisernen Prinzip ab, dass nur Kiew die rechtmässige Hoheit über die Krim besitzt.

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