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Mamablog: Interview zur Lehrstellensuche«Panik ist ein schlechter Ratgeber»

Bewerbung per Zoom und kaum Schnupperlehren: Viele Jugendliche haben noch keine Lehrstelle gefunden.

Frau Lamberti, Sie haben vor rund vier Jahren eine Beratungsstelle gegründet, um Eltern in der Übergangszeit von der Schule zur Berufslehre zu unterstützen. Warum war es wichtig, ein solches Angebot auf die Beine zu stellen?

Ich war zwanzig Jahre lang in der Berufsintegration von Jugendlichen tätig und wurde von verschiedenen Institutionen immer wieder darum gebeten, Informationsveranstaltungen anzubieten, die sich explizit nur an Eltern richten. Zudem hatte ich vermehrt auch Eltern am Telefon, die davon berichteten, dass ihr Kind nur noch zu Hause rumsitzt, nicht in die Gänge kommt und sie einfach nicht mehr wissen, wie es mit der Lehrstellensuche weitergehen soll. Mir waren allerdings die Hände gebunden und ich musste ihnen entgegnen, dass ich sie nur beraten kann, wenn der Jugendliche gewillt ist, seine Eltern in die Beratung mitzunehmen. Als Tochter einer italienischen Familie wusste ich ausserdem, wie zentral es für Eltern ist, die sich in unserem Bildungssystem nicht auskennen, an mehr Informationen und Hilfestellungen zu gelangen. Es war dieses Gesamtbild, das mich dazu bewogen hat, zusammen mit weiteren Fachleuten den Verein S.E.S.J. «Starke Eltern – Starke Jugend» zu gründen und eine Anlaufstelle zu bieten, bei der die Eltern im Fokus stehen.

Mit welchen Hauptanliegen kommen die Eltern zu Ihnen in die Beratung?

Die meisten beschäftigen Fragen zum Thema Lehrabbruch oder zur Lehrstellenfindung. Wie soll es beispielsweise weitergehen, wenn der Sohn oder die Tochter die Lehre abgebrochen oder keine gefunden hat? Neuzuzüger und Eltern, die nicht in der Schweiz zur Schule gegangen sind, wollen insbesondere wissen, wie unser Schweizer Schul- und Bildungssystem funktioniert. Beispielsweise die Selektionierung auf der Sekundarstufe in A und B.

Wie schaut es mit dem sozialen Hintergrund der Eltern in Ihrer Beratung aus?

Der ist durchmischt. Es dominieren Eltern mit bildungsfernem Hintergrund und aus sozioökonomisch schwächeren Schichten. Bei uns melden sich aber durchaus auch Mütter und Väter aus Akademikerkreisen. Letztlich wollen wir mit unserer Beratungsstelle alle erreichen, deshalb ist unser Angebot niederschwellig, kostenlos und wird in verschiedenen Sprachen durchgeführt. Schliesslich gilt: «Wenn der Schuh drückt, dann drückt er».

Wie werden Eltern auf Ihre Beratungsstelle aufmerksam – informieren die Schulen oder die Berufsberatung?

Auch. Letztlich läuft bei uns aber das meiste gezielt über Öffentlichkeitsarbeit. Insbesondere über aufsuchende Elternarbeit in ihrem Sozialraum. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche spanisch, italienisch, tigrinya (Amtsprache in Eritrea; Anmerkung der Redaktion), arabisch, portugiesisch, tamilisch und albanisch sprechen, machen auf unser Angebot direkt in verschiedenen Vereinen und Quartiergruppen aufmerksam.

Seit nunmehr über einem Jahr erschwert das Coronavirus die Lehrstellensuche zusätzlich – unter anderem sind Schnupperlehren nur bedingt möglich. Hat das zu einer vermehrten Kontaktaufnahme mit Ihrer Beratungsstelle geführt?

Rein zahlenmässig wurden zum jetzigen Zeitpunkt gleich viele Lehrverträge unterschrieben, wie vor einem Jahr. Aber es stimmt schon: Die Suche nach einer geeigneten Lehrstelle ist durch das Virus erschwert worden, weil viele Betriebe keine Schnupperlehren mehr anbieten können, sondern auf Alternativen wie Zoom zurückgreifen müssen. Bei uns gehen zurzeit tatsächlich Anfragen von Eltern ein, deren Kinder keine Schnupperlehre bekommen.

Die Jugendlichen entscheiden sich derzeit also aufgrund eines Zoommeetings für eine Lehrstelle?

Ja, das kommt tatsächlich vor. Schliesslich sind die Betriebe bemüht, die vorhandenen Lehrstellen zu besetzen. Ob und wie sich dies im kommenden Jahr auf die Zahl der Lehrstellenabbrüche auswirken wird, wird sich weisen.

In rund vierzehn Wochen ist das Schuljahr zu Ende. Viele Jugendliche haben noch immer keine Lehrstelle. Grund genug für gewisse Eltern, in Panik zu geraten – was raten Sie?

Panik ist ein schlechter Ratgeber. Es ist vielleicht gut zu wissen, dass Lehrverträge noch bis im September unterschrieben werden können. Deshalb gilt es also einen kühlen Kopf zu bewahren, sich zu informieren und weiter zu suchen. Und selbst wenn das Kind im Sommer noch immer keine Anschlusslösung gefunden haben sollte, bleiben immer noch zahlreiche Angebote übrig, zum Beispiel eine Beratung beim Verein S.E.S.J..

Es gibt also Auffangnetze. Können Sie diese etwas konkreter benennen?

Beratungsangebote wie «Job Shop» oder «Job Caddie» beispielsweise. Job Caddie ist eine geeignete Anlaufstelle für Jugendliche mit einem Lehrabbruch. Hinzu kommen zahlreiche Motivationssemester, die via RAV vermittelt werden. Und selbstverständlich statten auch wir die Eltern nicht einfach nur mit Infoflyern aus und überlassen sie dann sich selber. Wir versuchen, unsere Vernetzungen spielen zu lassen und zeigen geeignete Anschlusslösungen auf. Für uns ist es wichtig, Eltern allenfalls wiederholt zu beraten, bis eine geeignete Lösung gefunden worden ist.

«Man muss es klar sehen: Während den ersten Monaten brechen rund 20 Prozent der Jugendlichen ihre Lehre ab.»

Lassen Sie uns über sogenannte «Härtefälle» sprechen: Was kann man als Eltern tun, wenn der Nachwuchs nach ein paar Monaten schon die Lehre schmeisst und danach nur noch frustriert zu Hause rumhockt?

Man muss es klar sehen: Während den ersten Monaten brechen rund 20 Prozent der Jugendlichen ihre Lehre ab. Es kann also hilfreich sein, wenn man seinem Kind sagt: «Hey, du bist nicht die einzige/der einzige und es gibt noch zahlreiche Möglichkeiten, die wir noch nicht ausgeschöpft haben!» In vielen Fällen beruhigt das die Situation. Aber klar, es gibt immer auch die Fälle, wo man einsehen muss, dass die Tochter, der Sohn einfach noch mehr Zeit benötigt. Ohne abzuhängen, natürlich.

Aber gerade das Gefühl «gescheitert» zu sein, löst bei vielen Jugendlichen Blockaden aus, nicht?

Das ist richtig. Wir Erwachsenen wissen allerdings meist aufgrund unserer Erfahrung, dass es Wege und Alternative nach einem Scheitern gibt. Diese Erfahrung hat ein Jugendlicher häufig noch nicht gemacht. Und man muss es klar benennen: die ganze Lehrstellensuche ist ein wahnsinniger «Chrampf». Schnuppern, bewerben, sich beim Vorstellungsgespräch «verkaufen», eine Lehre starten, das ist alles ganz schön anstrengend. Und wenn es letztlich nicht klappt, ist es mit einem ziemlichen Frust verbunden. Unterstützung bei der Bewältigung dieser Phase finden Jugendliche auch bei der Jugendberatung.

Hören Sie von Seiten der Eltern eigentlich öfters, dass ihre Kinder noch zu unreif sind, um sich für einen Beruf zu entscheiden?

Gelegentlich. Ich habe es viel häufiger mit Eltern zu tun, die tendenziell Druck auf ihre Kinder ausüben. Diese müsse wir bei uns in der Beratung eher zu Geduld und mehr Gelassenheit auffordern. Sicher gibt es immer wieder auch Jugendliche, die noch zu unreif sind, um eine Lehrstelle anzutreten. Und auch solche, die komplett schulmüde sind. In solchen Fällen lohnt es sich, die Berufswahl nochmal genauer anzuschauen und den Jugendlichen Zeit zu lassen. Letztlich sollten sich aber Eltern und auch Jugendliche bewusst machen, dass der erste Beruf, den man wählt, nicht unbedingt der sein wird, den man längerfristig ausüben wird. Es gibt tatsächlich kaum mehr lineare Lebensläufe.

19 Kommentare
    Kari Wenger

    Danke für diesen Artikel..

    kommt genau zur richtigen Zeit für mich! War gerade am Panik schieben, gut zu wissen dass wir als Eltern auch eine Anlaufstelle haben!