Ohrenbetäubendes Schweigen

US-Wirtschaftsführer haben mehr Angst als Mut, wenn es um den US-Präsidenten geht. Sie spielen sein Spiel, weil sie profitieren möchten, sagen Experten.

Kenneth Frazier (r.) distanzierte sich als einziger Wirtschaftschef öffentlich von US-Präsident Trump. Foto: Bloomberg, Getty Images

Kenneth Frazier (r.) distanzierte sich als einziger Wirtschaftschef öffentlich von US-Präsident Trump. Foto: Bloomberg, Getty Images

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Aus der Reihe der nur privat empörten Unternehmenschefs sticht Kenneth Frazier hervor. Der Chef des Pharmakonzerns Merck distanzierte sich als Einziger öffentlich vom Präsidenten und warf ihm vor, das amerikanische Ideal der Gleichheit der Menschen zu verraten, nachdem er die Gewaltakte von weissen Rassisten in Charlottesville nur halbherzig verurteilt hatte. Zwar sind inzwischen drei weitere Wirtschaftsführer aus Protest aus dem Beraterstab von Trump ausgeschieden. Doch keiner kritisierte so direkt, wie es Frazier getan hatte; und keiner wagte, sich öffentlich hinter den Merck-Chef zu stellen.

«Sie alle haben Angst, persönlich hervorzustechen», meint Jeffrey Sonnenfeld, Vizedekan an der Managerschule der Yale-Universität. Am klarsten äusserte sich noch Lloyd Blankfein, Chef der Investmentbank Goldman Sachs; aber er sitzt in keiner der wirtschaftlichen Beratergruppen des Präsidenten. Blankfein verwies auf Abraham Lincoln und dessen zerstrittenes Kabinett und folgert für Trump: «Isoliere jene, die uns spalten wollen.»

«Das ist beschämend»

Die auffällige Zurückhaltung von prominenten Wirtschaftsführern kam beim konservativen American Enterprise Institute (AEI) schlecht an. «Sie halten sich zurück, weil sie fürchten, persönlich vom Präsidenten attackiert zu werden», sagte AEI-Ökonom Michael Strain der «New York Times». «Das ist beschämend, denn das Verhalten des Präsidenten ist unverantwortlich.»

Als Trump am Sonntag die Schuld an den Gewalttaten in Charlottesville nicht klar den weissen Rassisten zuschreiben wollte, entschied der Merck-Chef zu handeln. Er konsultierte mehrere Verwaltungsräte, die ihn ermunterten, auch wenn zu erwarten war, dass Trump zurückschlagen, mit Retorsionen drohen und seinen Kritiker perfid anschmieren würde. Frazier habe als einziger Afro-amerikaner im Beraterstab verständlicherweise auch aus seiner persönlichen Erfahrung handeln müssen, erklärt Verwaltungsrat Leslie Brun. «Die kleinliche Reaktion des Präsidenten zeigt, wie tief wir gesunken sind.»

Der 62-jährige Frazier wuchs in einem armen Viertel in Philadelphia als Enkel eines Sklaven auf. Sein Vater war Hauswart, hätte aber das Zeug zu einem Wirtschaftsführer gehabt, sagte Frazier später. Nach einem Rechtsstudium an Harvard trat er als Anwalt auch vor Gericht auf und machte sich einen Namen mit einem Revisionsprozess für den zum Tod verurteilten Afroamerikaner James Willie Cochran. Frazier gelang es, das Gericht vom Unrecht der Strafe zu überzeugen und die Freilassung des Todgeweihten zu erwirken. «Obwohl manche behaupten, das Rechtssystem sei farbenblind, so ist die Realität eine andere.

Die Rasse spielt eine wesentliche Rolle im Rechtsverfahren», sagte er. 1992 wechselte er als Chefjurist zu Merck und erreichte, dass ein weltweit stark beachtetes Verfahren wegen der tödlichen Nebenwirkungen des Schmerzmittels Vioxx mit einem Vergleich von knapp fünf Milliarden Dollar beigelegt wurde. «Er hat ethisch stets richtig und überlegt gehandelt», meint Roy Vagelos, Chef des Biotechkonzerns Regeneron. «Ich unterstütze seinen Entscheid, aus dem Beraterstab zurückzutreten.» Lob bekam Frazier auch von HP-Chefin Meg Whitman, Unilever-Chef Paul Polman und Marc Benioff von Salesforce. Sie alle gehören aber keiner Trump-Truppe an.

Hoffen auf Steuerermässigung

Intel-Chef Brian Krzanich und Kevin Plank, Gründer von Under Armour, traten noch am gleichen Tag wie Frazier zurück; gestern zog sich auch Scott Paul, Präsident des Dachverbandes der US-Fertigungsindustrie, aus der Beratergruppe zurück. Geblieben sind: Campbell-Soup-Chefin Denise Morrison, Jeff Immelt von General Electric, Michael Dell, Mary Barra von General Motors, Ginni Rometty von IBM, Indra Nooyi von Pepsi, Jamie Dimon von J. P. Morgan und Steven Schwarzman von Blackstone – sie alle bleiben Trump treu.

Doch die Wirtschaftsführer spielen ein gefährliches Spiel. Banken, Auto-, Pharma- und Techkonzerne glauben, auf die Gunst des Präsidenten angewiesen zu sein. Sie warten auf massive Steuerermässigungen und eine Welle von ­Deregulierungen. Das nützt Trump aus: Mit der halbherzigen Verurteilung der Rassisten macht er seine Anhänger glauben, er stehe auf ihrer Seite. Tatsache ist aber, dass er bisher wenig für die wirtschaftlich Schwachen getan hat. Seine Agenda ist ganz auf die Wirtschaftselite ausgerichtet, die in seinen Berater­stäben sitzt. Ihr Schweigen ist ohren­betäubend.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt