Offensive Impotenz: Schweiz seit 388'830 Minuten ohne Tor aus dem Spiel

Kein Tor im internen Trainingsspiel, kein Tor gegen Costa Rica und überhaupt nur ein Treffer per Penalty in den letzten vier Länderspielen. Bei der Schweiz harzt es in der Offensive gewaltig.

388'830 Minuten oder 270 Tage. So lange wird es am Samstagabend um 20.45 Uhr her sein, wenn die Partie gegen Italien im Stade de Genève angepfiffen wird, seit die Schweiz zum letzten Mal einen Treffer aus dem Spiel heraus geschossen hat. Es war das 1:0 von Alex Frei am 9. September 2009 in der 43. Minute im WM-Qualifikationsspiel in Lettland nach einer Kombination über Diego Benaglio, Stephan Lichtsteiner, Gelson Fernandes, Christoph Spycher, Tranquillo Barnetta und Benjamin Huggel (siehe Video links).

Seither verstrichen 497 Länderspielminuten. Tore hat die Schweiz zwar noch geschossen. Das 2:2 in Riga durch Eren Derdiyok – nach einem Corner. Drei Tore in Luxemburg – zweimal nach Freistoss, einmal nach Corner. Dazu noch der Penaltytreffer von Gökhan Inler gegen Uruguay. Die Schweiz hat seit Längerem Probleme, sich aus dem Spiel heraus Chancen zu erarbeiten – oder zumindest Mühe, diese dann auch zu verwerten.

Inler fordert von sich mehr offensive Aktionen

Dies hat zwei Gründe. Der erste liegt am Mittelfeldduo Inler und Huggel. Beides sind Abräumer und Balleroberer und nicht kreative Spielgestalter. Ottmar Hitzfeld setzt im Zentrum auf Stabilität und vertraut auf die Power der Aussenläufer. Aber er möchte auch Inler zu einem besseren Spielgestalter machen. Der Professional von Udinese darf diese Rolle in seinem Verein nicht ausüben. Er ist der klassische Ausputzer, der im 4-3-3-System die beiden etwas vor ihm aufgestellten Mittelfeldspieler dirigiert.

«Ich möchte mehr nach vorne machen, aber ich muss das zuerst lernen», erklärte der Solothurner selber. Von der Ersatzbank in Aarau zum Stammspieler beim FC Zürich ins Nationalteam und zu Udinese. «Es ist alles sehr schnell gegangen. Jetzt darf man die Geduld nicht verlieren», ergänzte er. Von sich fordert er aber gleichwohl mehr offensive Aktionen.

Intensive Diskussionen auf dem Trainingsplatz

Er stand noch Minuten nach der offiziellen Pressekonferenz am Donnerstag mit dem früheren Basler und Grasshopper Antonio Esposito, der heute als Experte für das Tessiner Fernsehen arbeitet, in der Vorhalle des Kongresszentrums Le Régent und diskutierte über seine Rolle im Nationalteam. Der dreifache Internationale befand, dass Huggel und Inler sich zu sehr auf der gleichen Höhe befinden. «Im Verein kann ich mich jeden Tag mit meinen Mitspielern absprechen, hier haben wir nur sehr wenig Zeit», meinte Inler. Es brauche noch etwas, um sich zu finden.

Entsprechend intensiv waren die Diskussionen danach auch auf dem Trainingsplatz. Immer wieder unterbrach Hitzfeld die ohnehin schon kurze Trainingspartie der voraussichtlichen Stammelf gegen die Reservisten. Gestenreich erklärte der Trainer, welche Positionen die Spieler einzunehmen haben. Auffällig: Er sortiert dabei Huggel und Inler tatsächlich auf unterschiedliche Höhen. Der Basler orientiert sich etwas weiter zurück.

Standards als Schlüssel zum Erfolg erklärt

Zum anderen ist die offensive Harmlosigkeit auch hausgemacht. Hitzfeld legt in erster Linie Wert auf eine geordnete und sichere Defensive. Der Gegner soll im Mittelfeld möglichst wenig Räume haben, sein Spiel zu entfalten, und dafür sind Huggel und Inler die perfekten Spieler. Mit schnellen Kontern oder eben Standardsituationen sollen Chancen und Tore erarbeitet werden.

Besonders auf Letztere legt Hitzfeld ein grosses Augenmerk – offensiv und defensiv. Schon bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren forderte der Lörracher, dass diese «eine Waffe» werden müssten. In der Tat waren die sogenannt stehenden Bälle einer der Hauptgründe, dass die Schweiz am 9. Juni als WM-Teilnehmer nach Südafrika fliegen wird.

Defensive Ordnung und Disziplin

Und bei der Verteidigung von Standards beordert Hitzfeld sein gesamtes Team in den eigenen Strafraum, lässt die Chance für einen schnellen Konter mit einem darauf lauernden Stürmer bewusst aus. «Priorität bei Standards ist, kein Tor zu kassieren. Wir haben auch in der WM-Qualifikation kein Tor kassiert. Ich habe lieber zwei Leute am Pfosten als einen, der auf den Konter lauert. Ich möchte erstmals auf Sicherheit spielen», so die klare Devise des Nationaltrainers.

Wir erinnern uns: An der WM 2006 spielte die Schweiz ebenfalls aus einer gesicherten Defensive (gegen die Ukraine sogar aus einer sehr gesicherten Abwehr...) und liess keinen einzigen Gegentreffer zu. Einen ähnlichen Plan verfolgte José Mourinho bei seinen Erfolgen mit Porto, Chelsea und nun Inter Mailand. Und auch die Triumphen von Hitzfeld in der Champions League gründeten auf defensiver Ordnung und Disziplin.

DerBund.ch/Newsnet

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