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Theaterszene einer TotenwacheNo Beerdigung

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 2: Dragica Rajčić Holzner über den Tod einer Asylsuchenden.

 Wie weiter mit einer leblosen Asylsuchenden? Hier beginnt der Ausschnitt aus Dragica Rajčić Holzners Theatertext «Aufliebeseen».
Wie weiter mit einer leblosen Asylsuchenden? Hier beginnt der Ausschnitt aus Dragica Rajčić Holzners Theatertext «Aufliebeseen».
Foto: Ayse Avaz 

Mena, eine Frau in den Vierzigern, sucht Asyl in der Schweiz. Sie fällt nach kurzer Eingewöhnungszeit eines Abends tot um. Hier beginnt die lange Nacht der Totenwache. Das Exilheim als letzte Ruhestätte kommt auch nicht infrage.

Es regnet auch Jahre später auf die Bäume hinter dem Fenster des Exilheims nach dieser Nacht, wo Mena endlich ihren Platz im Wartesaal der Ewigkeit gefunden hat. Es wurden Eilbriefe gefaxt, die Frau so schnell wie möglich zu beerdigen in Janjevo, ihrem Heimatdorf. So stehts in den Papieren, aber der Beamte schrieb «Vanevo», und der gefaxte Brief blieb wegen des Krieges auf dem halben Weg verloren.

Die herzstille Frau kann doch nicht ewig auf Kosten der Gemeinde auf deren Boden leblos verweilen. Es ist einzusehen, schreibt auch der Exilheimleiter in ungelenkem Amtsdeutsch, es ist einzusehen, dass so ein besonderer Fall von Extremfall im Ausnahmefall, wo sich deckt mit dem von uns nicht beeinflussbaren Krieg im Ex-Jugoslawien, verdammtes Land, wenn ich so sagen darf, der Asylanträgerin, dass es im Sinne unseres Auftrags zur Beherbergung von solchen, vorübergehend bedürftigen Kriegsflüchtlingen auch, ich betone auch, im humanitärem Sinne sollen wir die Frau nach ihren Bräuchen vielleicht mit Erlaubnis des Gemeinderates auf unserem Friedhof beherbergen. Solche Abklärungen brauchen eine gewisse Zeit, und nach den Bräuchen des Landes und der obligatorischen Nachtwache wird sich der Gemeinderat damit befassen und spätestens an der nächsten, ausserordentlichen Sitzung den Bescheid geben, ob und wie lange die Überreste dieser Frau bei uns bleiben.

Freundlichen Gruss und hochachtungsvoll

Felix Helbling.

Die Mena hat die Sachen immer zurückgebracht. Sogar die leeren Teebeutel brachte sie zum Kompostieren wieder in die Küche zurück.

Dann drückte der Leiter des Exilheims die Taste Enter, auf der ein Pfeil wie ein Arm im zerbrochenen Zustand, genau wie der Arm von Tito auf dem Foto mit dem Hund, und die ganzen Buchstaben verschwanden und der Leiter entschloss sich, den Oberleiter des Kantons zu konsultieren, bevor man dem Bund so etwas meldet, und vor allem muss eine geeignete Form gefunden werden, förmlich und sachlich das Problem anzugehen, schliesslich wird sich der Heimleiter nicht unnötig der Fehlerhaftigkeit aussetzen und vielleicht wegen des einen oder anderen unbewussten Ausrutschers wieder zurück zur seinem gelernten Beruf Koch in der Militärkantine finden.

Die 60-Watt-Lampe ist zu schwach für ein ganzes Foyer, aber Ersatzlampen sind unter Verschluss, es wird geklaut, alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Mena hat die Sachen immer zurückgebracht. Sogar die leeren Teebeutel brachte sie zum Kompostieren wieder in die Küche zurück.

Ich verlösche, wie kann man das sagen, nachdem man schon tausendmal verlöscht ist und weiterlebte?

Man kann es nicht sagen. Es ist eine Frage des Augenblicks, das Meisterwünschte tritt ein, ein Herztod, fertig ist die Angelegenheit, auch von dem, was noch zu tun ist.

Die Zimmer ohne Garten suchen die Zukunft mit Deutsch, der unbekannte Himmel, welcher immer niederkommt, und die Natur, welche sich unter dem Schnee versteckt. Die Bilder des Verschwindens, des Lebens.

An dem Ort des Todes immer wieder die Kugel, welche den Rücken trifft, statt sich zu verirren, und sein Gesicht fällt zum Boden und bleibt mit halb offenem Mund liegen, aus welchem, wie im schon gesehenen Film, jetzt aber richtiges Blut rinnt, das Blut, welches in ihm war. In seinem Mund und in seinen Augen. Das Blut, welches seinen Wörtern Antrieb gab, und wenn ich sie hier sage, werden sie zu nichts, im Kopf eingeschlossene, seine Stimme gab Wärme, und augenblicklich rückwärts gehen, immer weiter, weiter, aber hier bleiben mit Hautallergie, Psoriasis zur Heilung und mit blauen Venen an den Beinen und mit einem Hirn, welches seinen Inhalt ausschütteln möchte. Die Bepanthen-Creme gab kurz Milderung von dem Schmerz, und die Hoffnung wuchs in unermessliche Höhen über die Bäume, natürlich.

Dragica Rajčić wuchs in Kroatien auf und kam 1978 in die Schweiz. Später arbeitete sie als Journalistin in Kroatien und kehrte während des Jugoslawien-Krieges zurück in die Schweiz, wo sie sich in der Friedensarbeit engagierte. Ihr Roman «Glück» ist zwischen den Sprachen angesiedelt, er erzählt von Zersplitterung und Fiasko. Dieser Ausschnitt stammt aus dem Text «Aufliebeseen», der 2000 am Stadttheater St. Gallen inszeniert wurde.