Als die Dickhäuter kamen

Mit der Verabschiedung von Knies Zirkus-Elefanten endet eine Ära. Die exotischen Tiere faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten.

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Nach rund 100 Jahren ist mit den Elefantennummern im Circus Knie Schluss. Die beiden Elefantendamen Dehli und Ceylon treten in den Ruhestand. Damit endet eine Ära: Knie und die Elefanten – das ist eine Verbindung, die über Jahrzehnte das Publikum fasziniert, die Berichterstatter inspiriert, für Aufregung und Enthusiasmus gesorgt hatte.

Die berühmteste Anekdote der jüngeren Vergangenheit war der Ausbruch der Elefantenkuh Sabu, die 2010 ausgerissen war, als der Knie in Zürich gastierte – Sabu spazierte durch die Innenstadt und erlaubte sich anschliessend ein Bad im See.

Andere Elefanten-Episoden gingen weniger glimpflich aus. 1932 berichtete die NZZ: «Bei der gestrigen Vorstellung im schweizerischen Zirkus Knie wurde der auf dem Boden liegende Direktor Knie von einem seiner drei dressierten Elefanten verletzt. Ein Elefant berührte mit dem Fuss zu stark den Brustkorb Knies, so dass Knie innere Verletzungen erlitt. Auch wurde die Speiseröhre gebogen.» Erfreulicher verlief 1938 die Ankunft des Knie im Bahnhof Zürich-Tiefenbrunnen: «Aus einem Waggon, auf dem gross und vornehm ‹Reserviert für Elefanten› steht, taten sich Rüssel heraus; sie lugten vorwitzig und neugierig in die Zürcher Luft hinaus.»

1952 brachte der Berichterstatter sogar eine quasipolitische Note in den Elefanten-Report: «Dann schaukeln Knies Elefanten in die Manege, diese Runzelberge. Ihre ausgefransten Ohren erinnern an die Fahnen im Landesmuseum.»

Elefantenkuh «Hänschen»

Über die Jahre ist der Bestand an Knie-Elefanten stetig gesunken. Vor 30 Jahren war der Zirkus noch mit einem Dutzend Elefanten unterwegs – 1982 gaben die 12 Elefanten «unter der Leitung von Louis Knie Proben ihres Könnens» auf dem Lindenhof, wie die NZZ schrieb.

Schon bevor die Knie-Dynastie in den 1920er-Jahren die ersten Elefanten vorführte, konnten die exotischen Tiere in Zürich und anderen Städten bestaunt werden. Dabei wurden freilich nicht nur Elefanten präsentiert. Die Schriftstellerin Rea Brändle erzählt die Geschichte der Jahrmarktsensationen in einem Buch über die Zürcher Völkerschauen nach. In einem Zug mit exotischen Tieren aus aller Welt wurden auch «Wilde», «Neger» und Menschen mit Missbildungen vorgeführt.

Mit der Elefanten-Geschichte hat sich auch der Historiker Peter Müller befasst, der das Völkerkundemuseum in St. Gallen leitet. Den frühesten Beleg für einen Elefanten in der Ostschweiz fand er im Jahr 1651. Die imposante Elefantenkuh namens Hänschen stammte aus Ceylon, war über Holland und Deutschland in die Schweiz gebracht worden und zog nach ihrem Aufenthalt in St. Gallen nach Zürich und Luzern weiter. Auf dem Weg von Zürich nach Luzern geriet Hänschen in einen Sumpf «und konnte nur mit Mühe gerettet werden».

Am 1. August 1885 zog ein ganzes Dutzend Elefanten durch die Bahnhofstrasse, gefolgt von Zebus und rund fünfzig «Eingeborenen» aus Ceylon. «Carl Hagenbecks anthropologische-zoologische Singhalesen-Ausstellung» gastierte in der Stadt und zog allein am ersten Wochenende 10 000 Zürcher an.

Bauern als Tierpfleger

Grosstierhändler Hagenbeck war auch für die Elefanten im Zürcher Zoo ein wichtiger Mann. Als der Zoo am 7. September 1929 eröffnet wurde, gehörten die Elefanten Mandjullah und Chang zu den Highlights der Anlage – beiden hatte man bei Hagenbeck in Hamburg gekauft und nach Zürich verladen. Mandjullahs Kaufpreis belief sich auf 15 000 Franken.

Der Elefanten-Auftritt auf dem Zürichberg war möglich geworden, weil sich im Mai 1929, vier Monate vor der Eröffnung des Zoos, ein «Comité» an die Auslandschweizer gewandt hatte: «Sie werden mit uns einig sein, dass gerade Elephanten eine der grössten Attraktionen eines Zoologischen Gartens bilden und würdig sind, von Überseern gestiftet zu werden.» Das Komitee hoffte, so die für zwei Elefanten notwendigen 30 000 Franken zusammenzubringen

Zookurator Robert Zingg geht davon aus, dass die beiden Premiere-Elefanten aus Indien stammten. Bei Mandjullah stehe es so in der Tierkartei, bei Chang gebe es keinen Herkunftshinweis. In Zürich hätten sich vermutlich Landwirte um die Tiere gekümmert. Den Beruf des Tierpflegers gab es noch nicht – und die Bauern kannten sich mit grossen Tieren am besten aus. Die Zürcher Elefanten bauten ein enges Verhältnis zu ihren Betreuern auf. Ab den 70er-Jahren (und bis Mitte der 90er-Jahre) gingen die Elefanten auch auf Spaziergänge in den Wald. Und die Elefantenkuh Ceyla, in Zürich nach ihrer Ankunft 1976 mit der Flasche aufgezogen, war in ihren jungen Jahren gelegentlich zu Besuch bei Donatoren.

Laut Zingg gab es früher nicht unendlich viele Elefanten auf dem Markt. Hagenbeck hatte zu Beginn der 30er-Jahre quasi das Monopol im Grosstierhandel inne. Er bekam ab und zu eine Lieferung Elefanten aus Asien oder Afrika – und versuchte dann, die Tiere in Europa möglichst schnell an Zoos und Zirkusse zu verkaufen. «Um das Risiko zu minimieren, dass ein Tier bei ihm starb», so Kurator Zingg.

Bilder Die ersten Elefanten in der Schweiz

elefanten.tagesanzeiger.ch

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