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Wer bin ich?

Persönlichkeitstests im Internet boomen. Nach einigen Klicks weiss man, ob man ein Logiker ist wie Bill Gates oder eine Logistikerin wie Karin Keller-Sutter. Kann das seriös sein?

Welcher Macher-Typ wären Sie denn lieber? Karin Keller-Sutter und Bill Gates. Bilder: Keystone / Reuters
Welcher Macher-Typ wären Sie denn lieber? Karin Keller-Sutter und Bill Gates. Bilder: Keystone / Reuters

Jacko Wusch ist eine Influencerin, bekannt dafür, über Lifestyle, Reisen und Kochen zu sprechen. Sie hat fast 200’000 Youtube-Abonnenten, vor allem in Deutschland. Vor kurzem sprach sie in einer Podcastfolge über sich: «Ich bin irgendwo zwischen ESFJ und ISFJ», erzählte sie, ihr Freund hingegen sei ein INFP, das berge Konfliktpotenzial, denn dahinter stünden sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber gut, Gegensätze ziehen sich ja manchmal an.

Sehr offensichtlich ging Jacko Wusch davon aus, dass ihre Zuhörer die kryptischen Formeln kennen, die mehr nach Chemie und weniger nach Charakter klingen. Die seltsamen Buchstabenanordnungen gehen zurück auf immer beliebter werdende Persönlichkeitstests im Internet. Der bekannteste: der aus Grossbritannien kommende «16Personalities». Wenn man sich dort etwa zehn Minuten durch Aussagen wie «Sie tun selten etwas nur aus purer Neugier» und «Sie fühlen sich für gewöhnlich hochmotiviert und voller Energie» geklickt hat, werden Codes ausgespuckt, welche die eigene Persönlichkeit widerspiegeln sollen, also beispielsweise E für extrovertiert, I für introvertiert, F für fühlend oder J für «judging», also urteilend.

Michael Jordan ist ein «Virtuose»

16 verschiedene Akronyme kann der entsprechende Algorithmus bilden, von der Seite übersetzt in 16 verschiedene Persönlichkeiten. Man ist dann eben entweder ein «Abenteurer», der immer von seiner Neugier getrieben ist, ein «Verteidiger», also «ein hingebungsvoller und herzlicher Beschützer», oder «Debattierer» – dann kann man «keiner intellektuellen Herausforderung widerstehen».

Die Persönlichkeitsbeschreibungen sind so allgemein gehalten, dass sich jeder irgendwo wiedererkennen wird – ähnlich wie bei Horoskopen. «In Ihrem Bekanntenkreis gibt es einige Menschen, die Ihnen wichtig sind.» Oder: «Ihre Stimmung kann sich schnell ändern.» Flankiert wird das Ganze mit ein paar zusätzlichen Informationen. So zeige ein ENTJ, ein «Kommandeur», einen besonders starken Willen – neige aber zur Ungeduld. Als prominente Vertreter dieses Typus werden zum Beispiel Whoopie Goldberg oder Steve Jobs genannt. Die «Aktivisten» (ENFP) hätten häufig Fernbeziehungen, «Virtuosen» (ISTP) wiederum seien «wie geschaffen für die Feuerwehr». Ob das der ehemalige Basketball-Weltstar Michael Jordan, der angeblich ein solcher «Virtuose» ist, auch so sieht?

Nach Angaben der «16Personalities»-Betreiber haben mehr als 40 Millionen Menschen weltweit die Seite besucht. Dazu kommen noch sehr viele andere Anbieter im Netz, mit denen man seinem eigenen Wesen angeblich auf die Spur kommen kann.

Das «Big-Five-Modell» sei besser, sagt der Forscher

Ganz abgesehen von der interessanten Frage, was eigentlich mit den bereitwillig im Netz zur Verfügung gestellten Daten, die ja recht privat sind, so passiert: Wie seriös ist es überhaupt, Menschen nach zehnminütigem Klicken in genau 16 verschiedene Persönlichkeiten zu portionieren? Anruf bei Matthias Ziegler, Psychologie-Professor an der Humboldt-Universität in Berlin, der vor kurzem genau das für eine Studie untersucht hat. Internet-Typentests kommen bei ihm schlecht weg: «Diese Tests haben eigentlich kaum Aussagekraft. Denn die Persönlichkeit eines Menschen lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Sie sollte vielmehr als Zusammenspiel verschiedener Eigenschaften verstanden werden, die jeweils ein Kontinuum abbilden.»

Typen-Tests seien zudem instabil, könnten nach kurzer Zeit zu einem anderen Ergebnis führen und seien deswegen für ihn nicht sehr viel zuverlässiger als «ein Münzwurf». Sie beruhen auf einer Selbsteinschätzung, die ja nicht unbedingt unverfälscht ist, und sie beruhen, noch entscheidender für ihn als Forscher, «auf der aus Sicht der Wissenschaft überholten Persönlichkeitstheorie von Carl Gustav Jung». Darauf basierend, entwickelten nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg Katherine Cook Briggs und ihre Tochter Isabel Myers den sogenannten Myers-Briggs-Typenindikator, Grundlage vieler Internet-Persönlichkeitstests.

Viel zeitgemässer sei das «Big-Five-Modell», das die Persönlichkeit eines Menschen in fünf Hauptdimensionen abbildet: Offenheit für Neues, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, also Geselligkeit, Verträglichkeit und Neurotizismus, also die Neigung zu emotionaler Instabilität. «Wir alle haben diese Werte in uns, die Big-Five-Erfassung ist wie ein Blutbild unserer Persönlichkeit und eben keine Typisierung», sagt Ziegler.

Teams nach Testergebnissen zusammengestellt

Ihn verwundert, was er zunehmend hört: dass die grobe Typologie von Internet-Persönlichkeitstests sich nicht nur auf Youtube, Instagram oder Datingportalen grosser Beliebtheit erfreut, sondern auch in Unternehmen: Teams würden in manchen Firmen danach zusammengestellt oder sogar die Buchstabencodes auf die Türschilder geschrieben. «Das halte ich für wirklich unseriös.» Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum etwa ergab 2015, dass mehr als 30 von 120 befragten deutschen Firmen den Typenindikator bei ihren Bewerbern anwenden.

«Ich habe gelernt, dass manche Menschen nicht einfach nur scheisse sind.»

Jacko Wusch, Influencerin

Internet-Persönlichkeitstest sind nicht nur beliebt, sondern auch ein Geschäft. Der Test selbst ist kostenlos. Doch wer sich durch die Auswertung geklickt hat, wird schnell geködert: «Wie kannst du mehr lernen?», fragt die «16Personalities»-Website und antwortet mit Angeboten. Für 29 Dollar bekommt man sein detailliertes Profil schön illustriert auf 231 Seiten als PDF-Dokument. 79 Dollar kostet ein Jahreszugang zur «Academy» – zu Daten, weiteren Tests und Zusatzmaterialien. Für 169 Dollar gibt es mehr als 3600 Seiten Infos über alle Persönlichkeitstypen und extra Onlinekurse.

Ob man 170 Dollar für eine Fernanalyse ausgeben sollte, darüber lässt sich streiten. Jacko Wusch sagt, ihr helfe der Test, wenn sie während einer Diskussion mal wieder kurz vorm Durchdrehen stehe: Sie mache sich dann klar, dass sie es vermutlich mit einer ausgeprägten T-Persönlichkeit (thinking, denkend) zu tun habe, und die sei nun mal ganz anders gestrickt. Sie selbst sei nicht so der Logiker, sondern eher der Gefühlsmensch. In ihrem Podcast resümiert sie: «Ich habe gelernt, dass manche Menschen nicht einfach nur scheisse sind – und dadurch ist mein Leben sehr viel schöner geworden.» Mehr Sinn muss ein Persönlichkeitstest ja vielleicht gar nicht haben.

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