Was läuft da noch schief?

Nach der Freistellung von Schauspielchefin Stephanie Gräves bleiben einige Fragen offen.

Brodelt es unter der Oberfläche? Das Stadttheater Bern hat seine Schauspielchefin Freigestellt.

Brodelt es unter der Oberfläche? Das Stadttheater Bern hat seine Schauspielchefin Freigestellt. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für ein Vergehen muss sich jemand leisten, der die Schauspielsparte eines Stadttheaters leitet, damit man ihn fristlos vor die Tür stellt? Seit gestern ist es offiziell: keines. Jedenfalls keines, das so gravierend wäre, dass man es verstecken müsste: Stephanie Gräve und ihr Chef, Intendant Stephan Märki, konnten einander nicht riechen. Nicht mehr.

So banal? «So banal ist es», sagt Benedikt Weibel. Er ist der Präsident des Stiftungsrats, und der hat Gräve so wenig vorzuwerfen wie Märki: Beide hätten einen tadellosen Job gemacht. Wer aber bleibt, wenn es drauf ankommt? Der Chef. Und so macht man es in jedem Betrieb. Märki hat die Freistellung Gräves bekommen, die er verlangt hat. Man habe ihm so «den Rücken gestärkt», so Weibel. Und das im «Gesamtinteresse» der Organisation.

Ist der Fall damit erledigt? Wahrscheinlich nicht. Der Stiftungsrat hat sich verschätzt, und das hat er zugegeben, nachdem ihm der öffentliche Druck nichts anderes übrig liess: Die «bewusste Nichtkommunikation» (Weibel) war ein Fehler. Ein Theater ist eine öffentliche Institution, und wer hier eine prominente Figur ohne Begründung vor die Tür stellt, der hat verloren. Auch im eigenen Haus, wie die Verunsicherung im Schauspielensemble zeigt.

Die «Informationspolitik» will man nun überdenken. Aber es gibt weitere Fragen. Wie solid, beispielsweise, sind die Grundlagen, auf denen der Stiftungsrat seine Kaderentscheide fällt? Immerhin war es derselbe Intendant, der ihm Gräve als Wunschkandidatin präsentiert hatte – bevor er sie ein halbes Jahr später wieder loswerden wollte. Jetzt braucht es einen neuen Schauspielleiter. Wer oder was garantiert, dass sich die Affäre nicht wiederholt?

Und schliesslich: Zwischenmenschliche Friktionen mögen schwer vorherzusehen und schwer auszuräumen sein. Aber etwas läuft schief in einem Betrieb, wenn Arbeit, die die Verantwortlichen für einwandfrei halten, derart in den Sand gesetzt wird. Vor solchen Risiken muss man ein Haus ebenfalls schützen. Wenn der Stiftungsrat den Konflikt schon früh erkannt haben will, sich dann aber von einer Partei so unter Zugzwang setzen lässt, dass ihm am Ende doch nur eine Freistellung bleibt – dann bleibt eine Vermutung: Es fehlt ihm an Einblick in den Alltag dieses Betriebs. Und an Möglichkeiten, sich vermittelnd einzuschalten – wenn nicht am Willen dazu. Anpassungsbedarf, was die Strukturen angeht? Davon will Weibel nichts wissen: «Das Führungsmodell stimmt.»

Da kann man nur hoffen, dass man nach dem Informationsbedarf der Öffentlichkeit nun nicht auch noch womöglich tiefer liegende Faktoren der ganzen Affäre verkennt.

Erstellt: 02.03.2016, 00:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Unvereinbare Wellenlängen»

Das Stadttheater hat nun doch noch Stellung zur sofortigen Freistellung der Schauspielchefin Stephanie Gräve genommen. Sie und der Intendant hätten nicht zusammengepasst – rein persönlich. Mehr...

«Das Vertrauen ist nachhaltig zerrüttet»

In einem Schreiben an den Stiftungsrat hat ein Teil des Ensembles von Konzert Theater Bern seinen Unmut kundgetan. Es fühlt sich schlecht informiert über Gräves Freistellung. Mehr...

«Über Details darf ich nichts sagen»

Interview Die ehemalige KTB-Schauspieldirektorin Stephanie Gräve gibt sich nach ihrer umstrittenen Freistellung enttäuscht. Mehr...

Dossiers

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bad Hair Day: Auch US-Präsidenten kann der Wind etwas zusetzen. Aber Donald Trump lässt sich beim Einsteigen in die Air Force One nicht beirren (22. September 2017).
(Bild: Aaron Bernstein ) Mehr...