Wahrnehmungsstörung im Liegestuhl

Granularsynthese und Pulswellenweite: Das Minifestival Les Digitales schrammt im Botanischen Garten bereits zum neunten Mal ganz gezielt am Dancefloor vorbei.

Tim und Puma Mimi

Tim und Puma Mimi Bild: Archiv

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Es war der wohl aufwendigste Instrumententransport in der Menschheitsgeschichte: Mehr als 30 Frachtwaggons brauchte der Physiker Thaddeus Cahill 1906, um seine 200 Tonnen schwere Erfindung nach New York zu bringen. Sein Plan: In einem Haus im Theaterdistrikt Rialto die «Telharmonic Hall» zu errichten. Zahlkräftige Musikliebhaber konnten hier ein akustisches Wunder aus 2000 Schaltern und 145 Wechselstromgeneratoren erleben: den ersten elektrischen Synthesizer. Der Saal bot Platz für über 200 Zuhörer, aber auch für Riesenfarne, Kletterpflanzen, Hortensienbüsche, Korbsessel und einen runden Plüschdivan.

Mehr als 100 Jahre später: Am Minifestival Les Digitales lauschen die Zuhörer zwischen Palmen, Kakteen und Orchideen in Liegestühlen elektronischen Träumereien. Doch etwas Entscheidendes hat sich an der Szenerie verändert: Modulare Synthesizer passen heute in jeden Kofferraum, manche sogar in die Hosentasche. Wenn Ameisen Grossstädte bauen würden, sähen sie etwa so aus wie das Innenleben dieser Instrumente. Dabei geht es hier nicht um Strassensysteme, sondern um Pulswellenweite, Oszillatoren, Frequenzmodulation und Hüllkurvengeneratoren.

Zahnpasta und Rohkost

In den 70ern, als die ersten Synthesizer auf den Markt kamen, waren sie Luxusgüter, einige bauten sie deshalb selbst (ob es ein Zufall ist, dass das Wort Nerd etwa zeitgleich auftauchte?). Heute ist die Devise eher: «Löten ist hip.» Auf diversen Seiten kann man sich Anleitungen für die Heimfabrikation herunterladen und den passenden Bausatz gleich dazubestellen. Wer es lieber analog mag, kann das Handwerk am Les Digitales von Claude Winterberg lernen. Der Basler treibt sich seit den 90ern in der elektronischen Musikszene herum und gibt unter dem Namen Flip Floater sein Wissen weiter.

Musikalisch schrammt das Les Digitales – es macht in insgesamt sechs Schweizer Städten halt – auch in seiner neunten Ausgabe im Botanischen Garten ganz gezielt am Dancefloor vorbei. Insgesamt zehn Acts reichen sich in Bern jede halbe Stunde die Klinke in die Hand. Darunter ist etwa das hyperaktive Zürcher Duo Tim & Puma Mimi mit seinem angesäuselten japanisch-schweizerischen Elektro-Pop, der auch mal mithilfe einer Gurke oder einer Zahnpastatube hervorgebracht wird.

Elektronische Rohkost serviert derweil das estnisch-helvetische Duo Braun. Wobei sein Konzept sogar über die Musik hinaus geht. «Griestep» etwa entstand in den Lepontinischen Alpen, auf 2500 m ü. M.: «Wir schleppten unsere Instrumente den Berg hoch, verkabelten sie mit einer Autobatterie und nahmen das erste Stück Musik auf, das uns in den Sinn kam.» Entstanden ist ein Musikvideo zwischen Performance und Experimentalfilm. Ein Gesamtkunstwerk, an dem sogar das Schweizer Fernsehen unlängst Interesse bekundet hat.

Den Ort machen auch Ozmoz zum Ausgangspunkt ihrer Kompositionen. Antonio Albanello und Marco Maria treffen seit 1986 immer wieder aufeinander. Albanello ist seit den 80ern einer der umtriebigsten Lärmmacher in Bern, er spielte in einer Rockgruppe, einer New-Wave-Band und schuf experimentelle Klanginstallationen. In den letzten Jahren ist er ruhiger, aber nicht weniger umtriebig geworden. Der Berliner Maria ist Pianist und Fachmann für Lichtklangreisen. Für das Les Digitales haben die beiden ein Set in Berlin-Pankow erarbeitet, welches «Klang- und Granularsynthese mit Modulationen von live am Klavier und am Mikrofon generierten Layers» vermischt. Zu Deutsch: Ambient-Musik mit einer bestechenden Wahrnehmungsstörung. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.08.2018, 07:54 Uhr

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