Bern braucht kulinarische Leuchttürme

Bern ist auch ohne Sternerestaurant keine Gastrowüste. Es gibt trotzdem Gründe, warum ein paar zusätzliche gastronomische Highlights guttäten.

Gehobene Küche kann ein Tourismusmagnet sein.

Gehobene Küche kann ein Tourismusmagnet sein.

(Bild: Manuel Zingg)

Mischa Stünzi

Wenn mit dem Gourmetrestaurant Meridiano Ende Jahr in Bern der letzte «Michelin»-Stern verschwindet, sollte man das in der Bundesstadt nicht einfach so auf die leichte Schulter nehmen. Natürlich kann man es sich schönreden, wenn in Zukunft nur noch die Steinhalle in der Liga ab 16 Punkten spielt. Natürlich kann man zu Recht darauf verweisen, dass es in Bern nach wie vor viele gute Restaurants gibt mit innovativer, abwechslungsreicher Küche, wo ein Besuch immer wieder eine Freude ist. Natürlich sorgen daneben auch die immer neuen Pop-up-Konzepte und die Gasthöfe mit solider, gutbürgerlicher Küche dafür, dass Bern gastronomisch nicht austrocknet. Von einer Gastrowüste kann also keine Rede sein. Doch es gibt Gründe, warum Bern kulinarische Leuchttürme braucht. Essen und Trinken spielt beim Entscheid, wohin die nächste Reise führen soll, eine immer grössere Rolle. Dabei spielen Restaurants mit über regionaler - im besten Fall gar internationaler - Strahlkraft eine zentrale Rolle. Eine solide Mittelklasse ist zwar eine gute Basis. Zur Foodie-Traumdestination wird man in der Regel aber dank gastronomischer Höhenflüge: Hunderte Leute reisen Jahr für Jahr in den schwedischen Weiler Fäviken, 570 Kilometer nördlich von Stockholm, um dort für 300 Euro pro Person im mit zwei Sternen bewerteten Spitzenrestaurant Fäviken Magasinet zu essen. Wobei essen wohl der falsche Begriff ist. Auf diesem Niveau wird der Restaurantbesuch zum Erlebnis.

Gastronomische Leuchttürme lassen auch das restliche Gastgewerbe in einem guten Licht dastehen. Wo diese stehen, so der intuitive Schluss, können ja die anderen Restaurants nicht komplett abfallen. Letztlich profitieren also auch andere von den Leucht türmen: Wenn ein Gast von extern anreist, bucht er zudem in der Regel ein Hotelzimmer vor Ort und isst auf seiner Reise wahrscheinlich auch nicht nur eine Mahlzeit, sondern besucht noch das eine oder andere zusätzliche Restaurant. Nicht zuletzt sind Gastrotouristen interessant, weil diese offensichtlich eine gewisse Zahlungsbereitschaft mitbringen. Zwar gibt es auch Leute mit kleinerem Budget, die sich zwischendurch den Genuss eines Spitzenrestaurants leisten. In der Regel sind die Gäste aber eher Leute mit einem etwas dickeren Portemonnaie. Und es ist sicher nicht verkehrt, wenn diese als Touristen nach Bern reisen.

Die Spitzengastronomie hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Gut möglich, dass ein opulentes Gasthaus à la Auberge du Pont de Collonges nicht unbedingt zu Bern passt - jenes Restaurant der 2018 verstorbenen Kochlegende Paul Bocuse, in dem Krawatte zwar nicht Pflicht, aber doch gern gesehen ist und wo vor allem edle Leckereien wie Hummer, Foie gras und Trüffeln auf den Tellern landen. Für diese Haute Cuisine sind wir Berner als Meister des Understatements wohl tatsächlich zu zurückhaltend. Aber heute gibt es genügend Sternerestaurants, wo auch Gäste in Jeans und T-Shirt willkommen sind, wo Heavy Metal statt Klassik läuft. Und einige haben sogar spezielle Familienanlässe, wo den Kleinen Flammkuchen und Chickennuggets serviert werden.

Es gibt auch in Bern Leute, die gastronomische Höhenflüge suchen. Das Argument, dass die Löhne in Bern zu gering seien und es einfach keine Nachfrage nach gehobener Kochkunst gebe, ist kaum stichhaltig. Oder warum gibt es in der Kleinstadt Burgdorf gleich zwei Sternerestaurants? Diese Topküche kann zum Ansporn für Berufskollegen in der Region werden. Denn Köche äugen gerne bei Berufskollegen in die Pfanne und lassen sich inspirieren. Insofern kann ein Spitzenrestaurant durchaus das Niveau im Mittelfeld anheben.

Klar, Spitzengastronomie kann man nicht erzwingen. Jede Gastgeberin, jeder Gastgeber muss selber entscheiden, in welcher Liga das Restaurant spielen soll. Zudem ist nicht jeder Koch ein Caminada, nicht jede Köchin eine Grandits. Und doch würde es Bern guttun, man käme dereinst zurück auf die Sterne-Landkarte.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt