«Es macht mich wütend»

Tobias Jundt – alias Bonaparte – hat sein neues Album in Afrika eingespielt. Ein Gespräch über kulturelle Aneignung, ivorische Pfarrerstöchter und seinen Rücktritt von der Bühne. (am 27. November)

«Es war eine kulturelle und menschliche Offenbarung»: Tobias Jundt über sein Wirken in der Hauptstadt der Elfenbeinküste.

«Es war eine kulturelle und menschliche Offenbarung»: Tobias Jundt über sein Wirken in der Hauptstadt der Elfenbeinküste.

(Bild: Dadi Thierry Kouame)

Ane Hebeisen

Sie haben schon so einige Haken geschlagen in Ihrem Musikerleben, sind von Bern aus nach Barcelona, Berlin, Neuseeland und in die USA ausgeschwärmt. Was hat Sie nun in die Elfenbeinküste verschlagen?
Wer mich aus meiner Berner Zeit kennt, weiss, dass ich als Teenager dem Jazz, Soul und Blues verfallen war. Mein Fokus war dabei ganz auf Amerika gerichtet, und ich wollte alle noch lebenden Jazzlegenden persönlich kennen lernen, was mir dank Jazzfestivals wie Montreux, Bern oder Willisau und den zahlreichen lokalen Jazzclubs tatsächlich möglich war. Wer Jazz und Blues mag, muss natürlich früher oder später den Weg zurück auf den afrikanischen Kontinent gehen, hierzu fehlte mir Mitte der Neunzigerjahre jedoch jegliche Verknüpfungsmöglichkeit. Diese Tür hat sich für mich nun vor drei Jahren geöffnet.

Sie haben auf dem neuen Album nicht nur lokale musikalische Phänomene in Ihre Musik aufgenommen, es ist quasi ein pan-afrikanisches Breitband-Afrika, das Sie abbilden. Gibt es das lokale Musikdenken in Afrika noch?
Es war von Anfang an klar, dass ich nur in eine einzige Stadt reisen wollte, um tiefgreifende Beziehungen, Freundschaften und musikalisches Vertrauen aufbauen zu können. Zum andern wollte ich mich aber nicht nur auf die Musik der Elfenbeinküste beschränken, sondern jedem Song das geben, nach dem er verlangte. Es gibt den lokalen Abidjan-Sound. Da ist zum Beispiel der Zouglou, sozusagen die lokale Schlagermusik, und der etwas modernere Coupé-Décalé, von welchem «Das Lied vom Tod» beeinflusst ist. Die lokalen Musiker denken aber keineswegs in diesen Grenzen. Da kann es vorkommen, dass der Beat seinen Ursprung in Senegal hat, die Gitarre im Kongo und der Chorgesang aus der Kirchentradition von Abidjan. Ich spürte ein sehr starkes lokales Musikdenken, jedoch war das auf ganz Afrika oder zumindest ganz Westafrika bezogen.

Ist es nicht so, dass die Jungen in den Städten vor allem westliche Musik hören?
Ich habe während meiner acht Reisen nach Abidjan nicht ein einziges Mal Musik aus Europa oder Amerika im Autoradio gehört. Das scheint einfach niemanden richtig zu kitzeln, weil – so meine Theorie – viele wichtige Komponenten in diesen Produktionen fehlen und die Identifikation damit nicht gross genug ist.

Wie sind Sie musikalisch vorgegangen? Wurden die Song-Ideen von Ihrem Wohnort Berlin importiert?
Es gab drei Phasen. Ganz am Anfang hatte ich ein paar Demos einem befreundeten Musiker in Abidjan gesendet, welcher dann die Musiker und Beat-Produzenten zu meinen Acapellas und Riffs hat spielen lassen. Als ich merkte, dass dieser Spagat zwischen deutscher Sprache und afrikanischer Musik funktionieren kann, bin ich in den Flieger gestiegen und habe vor Ort in unzähligen Sessions Songs produziert. In der dritten Phase habe ich aus meinem Heimstudio heraus versucht, gewisse Vibes auf meine Art nachzubauen. Am Ende haben wir dann begonnen, ganz intim zusammen in einem Raum live zu musizieren, wie im Song «Neues Leben».

Wie ist der bleiche Mann mit den – neuerdings – deutschen Liedern dort aufgenommen worden?
Immer mit offenen Armen und viel Freude und musikalischer Kooperationslust. Natürlich werde ich auf der Strasse als «Eh, le Blanc! Le Blanc!» angesprochen, und viele Menschen haben nun mal nicht nur gute Erfahrungen gemacht mit dünnen, bleichen Männern wie mir. Ich war mir ja auch bereits zu Hause aller Vorwürfe bezüglich kultureller Aneignung bewusst, jedoch haben alle Kunstschaffenden vor Ort immer sofort verstanden, was meine Idee war und dass ich versucht habe, die Welten und Talente ineinandergreifen zu lassen. Deshalb ist es nun so wahnsinnig wichtig für mich, dass Musiker aus Abidjan auf dieser Tour mit dabei sein können.

Öfters scheitern solche Unterfangen an Problemen mit den Visa.
Mein Manager hatte im Januar 2019 mit dem Visa-Prozess begonnen, um zwei ivorische Musiker auf diese Tour zu bekommen. Ich wollte die Tour ohne die beiden nicht spielen. Wir hatten einen ersten Flug zehn Tage vor Tourstart gebucht, damit wir proben können und sie sich an alles andere hier gewöhnen. Die beiden hatten dann drei Tage vor Tourstart endlich die nötigen Stempel im Pass, fuhren direkt zum Flughafen und kamen von Tegel direkt in mein Berliner Studio. Es macht einen wütend, dass ich als Schweizer mit meinem Handörgeli in jedes hinterletzte Land dieser Welt einreisen kann und andernorts die talentiertesten Künstler eines Landes tagelang vor einem Konsulat herumsitzen müssen, bis jemand Lust hat, ihnen zu vertrauen.

Wie verhindern Sie einen Kulturschock?
Die beiden haben vorher noch nie die Elfenbeinküste verlassen. Es braucht eine gewisse Zeit, um sich an unsere doch relativ anders funktionierende Kultur zu gewöhnen und um dann auch eine Tour spielen zu können. Genauso, wie für mich die Arbeit an dieser Platte eine kulturelle und menschliche Offenbarung war, so ist es nun auch für die beiden – oder in Wechselwirkung für uns alle – ein sehr spezieller Trip.

Welches waren die Schlüsselmusiker, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?
Die wichtigsten Musiker waren Jean-Claude Emanuel Bidy, genannt JC Guitare – einer der besten Gitarristen der Elfenbeinküste –, und der Pianist Saint Pierre Adjobi Tanoh, genannt Panda Tanoh. Beide sind nun mit mir auf Tournee. Sie waren fast bei allen Sessions dabei, sei das nun bei mir in der Wohnung in Abidjan oder im Studio. In den Studios habe ich mit mehreren lokalen Produzenten zusammengearbeitet. Die wichtigsten Leute waren also hinter den Kulissen tätig, in winzigen, schummrigen Hinterzimmerstudios.

Da war doch noch was mit fünf singenden ivorischen Pfarrerstöchtern?.
Ja, die fünf Töchter des Pfarrers von Abidjan haben nicht nur für Alpha Blondy, sondern nun auch für Herrn Jundt aus Gümligen bei Bern ihre unglaublichen Stimmen zu einem Chor geformt. Sie analysierten meine Musik und erkannten darin verschiedenste lokale kulturelle Merkmale, deren ich mir selber gar nicht bewusst war. Die wohl speziellste Kollaboration war aber mit dem Rumba-Sänger Tosha Kitona. Eines Tages klopfte es an meine Tür, und man richtete mir aus, ein Mann warte unten auf mich. Er hatte gehört, dass ich in der Stadt bin, und wollte mir vorsingen. Was ich da hörte, war eine der sanftesten und eigenwilligsten Stimmen, die jemals mein Trommelfell gestreichelt haben. Gleichzeitig habe ich aber auch mit vielen Fotografen und Filmemachern, Tanzgruppen und Rappern zusammengearbeitet.

Die Augen glänzen, wenn Sie das alles erzählen.
Bei meinem letzten Besuch in Abidjan war meine Wohnung Tag und Nacht von einer Art lokalen Bohème bevölkert, und man hat diskutiert, musiziert, gelacht, geweint und Attiéké gegessen, ein ivorisches Maniokgericht. Ich erfuhr eine freundschaftliche und kreative Sanftheit, die hierzulande etwas verkümmert zu sein scheint.

Mit Fatoumata Diawara ist eine Ikone der afrikanischen Musik auf Ihrem Album zu Gast. Wie kam es dazu?
Ich schrieb ihr einen Brief und legte ihr mein Demo zu «Cameroon» bei. Sie schrieb zurück, dass sie die Musik sehr mag und gerne mit mir singen würde. Sie gab mir ein Datum in Paris, und ich buchte sofort das legendäre Studio Ferber. Auf dem Weg zum Flughafen sagte sie ab. Etwas später bekam ich, während ich eine Vorlesung an der Hochschule der Künste in Zürich gab, eine Nachricht, dass sie heute Nachmittag Zeit hätte – in Como, Italien. Ich sagte zu und erreichte gleichentags ein abenteuerliches Studio in Como, welches seit 1995 definitiv kein Update mehr erlebt hatte. Ich fand heraus, dass an dem Abend kein Grammy-nominierter afrikanischer Superstar einen Studioraum gebucht hatte. Das Studio war für Jingle-Produktionen besetzt. Bis dahin hatte ich noch nie mit Fatoumata telefoniert, und ich wählte also als letztes Aufbäumen ihre Nummer. Eine wahnsinnig sympathische, zartsanfte Stimme nuschelte in den Hörer «Ich bin gleich bei dir!». Sie kam herein, wir umarmten uns, und weil man eben immer aus der Situation heraus agieren muss, borgten wir uns ein Mikrofon und nahmen in einem kleinen, ungeheizten Kellerraum des Studios direkt auf meinen Laptop auf.

Was nach afrikanischer Wärme klingt, ist also italienischer Winter?
Genau. Fatoumata sass die ganze Session in eine Daunenjacke gewickelt auf einem Stuhl und naschte unaufhörlich an irgendetwas aus einer weissen Tüte. «Möchtest du auch? Es heisst Lakritz! Habe ich gerade heute entdeckt», sagte sie. Und dann sang sie und meinte: «Ich singe nicht, es singt durch mich hindurch.» Das tat sie so lange und mit geschlossenen Augen, bis alles gesagt war. Dann hörte sie auf und sagte: «Komm, wir gehen zu mir nach Hause und wärmen uns die Pasta von gestern auf.»

Sie wollten ursprünglich ein Album machen, das man zu Hause anhören kann. War gar keine Tournee geplant?
Ich wollte einfach beim Arbeiten nicht zwingend an diesen Livemoment und die Umsetzung der Musik denken müssen und habe es folglich auch lange nicht getan.

Wie werden Sie die Sache live umsetzen – wird Ihr Performance-Personal mitreisen?
Ursprünglich wollte ich es rein musikalisch umsetzen. Dann hatte ich aber plötzlich beschlossen, dass dies nach über 700 Shows die letzte Bonaparte-Tour sein wird und sich dieser kleine bleiche Berner danach auf Studioarbeiten konzentrieren möchte. Da war es dann naheliegend, doch wieder die Tänzer einzuladen und auch Tim Fite aus Brooklyn einfliegen zu lassen, welcher im Vorprogramm singt und dann bei uns auf der Bühne während des Konzerts seine Staffelei bemalt. Es wird also ein ungeprobtes, wildes Klassentreffen der Veteranen-Liga werden.

Wird beispielsweise dem punkigen «Anti Anti» ein afrikanisches Gewand übergestreift?
Da die Musiker erst vor drei Tagen hier angekommen sind, konnten wir noch keinen meiner alten Bonaparte-Gassenhauer zusammen anspielen. Wir werden natürlich absolut versuchen, alles durch den kulturellen Fleischwolf zu drehen und mit ivorischen Gewürzen anzureichern – dieser Prozess wird nun aber direkt auf der Bühne stattfinden müssen. Was ehrlich gesagt auch ganz gut zu dieser Platte und der ganzen Schaffensphase passt.

Und danach wird es keine Bonaparte-Konzerte mehr geben?
Genau. Bonaparte braucht einen Tapetenwechsel.

Das Konzert: Mittwoch, 27. November, 20 Uhr

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