Schwitzende Polen, gefährliche Clowns

Wo lohnt es sich, Hutgeld zu spenden? Wo kann man getrost vorübergehen? Eine Orientierungshilfe für das Strassenmusikfestival Buskers in Bern.

Wenn man ein Konzert nicht verpassen sollte, dann jenes der wilden Polen von Volosi.

Wenn man ein Konzert nicht verpassen sollte, dann jenes der wilden Polen von Volosi. Bild: zvg

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Drachen fliegen durch Tiefdruckgebiete, Feuer kommt durch die Nacht geschossen, Zwerge schreiten steilen Klippen entlang, Krieger formieren sich und blicken ernst in den eisigen Wind. Nein, vermutlich wird die finnische Vokalgruppe Tuuletar am Buskers Festival in Bern kein ähnlich fulminantes Szenario heraufbeschwören können wie im Trailer zur 7. Staffel der Serie «Games of Thrones», für den ein Stück von ihr zur Verwendung gekommen ist. Wobei, bedeutend anders wird es an diesem Wochenende in Bern nicht aussehen, wenn das Festival zu Ehren der Strassenmusik und der Strassenkunst über die Bühnen geht. Ein Anlass, der in Sachen künstlerischer Wunderlichkeiten auch in diesem Jahr nicht am Hungertuch nagt.

Die Singfrauen

Doch zurück zu den vier Damen der Gruppe Tuuletar: Sie singen und beatboxen sich eine bisweilen ganz bombastische Volksmusik zusammen aus nordischer Folklore, ein bisschen Esoterik und zwischenzeitlich aufflackerndem Pop-Appeal.

Es ist schon öfter vorgekommen, dass finnische Singfrauen am Buskers in Aktion getreten sind, ja, man kann sagen, dass singende, in Naturfasern gekleidete Blondheiten aus dem Norden fast schon zur Grundausstattung des Buskers zählen. Doch die Viererschaft von Tuuletar, die sich nach den finnischen Windgöttinnen benannt hat, dürfte alle bisherigen in den Schatten stellen.

Die Schattigen

Apropos Drachen und Schatten: Keine fliegenden Drachen, aber doch zumindest gehende Dinosaurier und eine Dinosaurierbändigerin hat das niederländische Kollektiv Close-Act im Repertoire. Kleine Warnung: Man möge nicht zu zutraulich sein, die Dinos picken gerne mal in unachtsames Menschenfleisch. Ansonsten ist am diesjährigen Buskers eher schlecht bedient, wer das Finstere sucht. Es wimmelt nur so von fröhlichen Fiddlern, lustigen Akrobaten und gut gelaunter Weltmusik.

Das Grimmigste, was die Affiche hergibt, ist vermutlich der barköpfige Magier und Illusionist Jyoti Supernaturel aus Frankreich. Er kann besorgniserregend seine Gliedmassen und seine Augen verdrehen und dazu auch noch Kugeln zum Schweben bringen. Seine Spezialität: Er macht bei all seinen Verrichtungen ein sehr ernstes Gesicht.

Die Hitzigen

Eher kein ernstes Gesicht ist dahingegen vom senegalesischen Sänger Baye Magatte zu erwarten. Er verfertigt mit seiner Band eine poppige Form des afrikanischen Highlife und hat es damit immerhin schon zu einem Auftritt im Rahmenprogramm des Montreux Jazz Festivals gebracht. Mindestens ein kurzes Reinhören scheint hier angebracht, obzwar ein ziemlich übles Schweissvergiessen zu befürchten ist.

Klassische Musiker, die bereits nach wenigen Minuten ihres Vortrags ins Schwitzen geraten und deren Geigenbögen in Fetzen vom Holz hängen, das sieht man hingegen relativ selten. Bei den wilden Polen von Volosi ist dies Konzept. Sie interpretieren die traditionelle Musik aus den polnischen Bergen in fast schon punkiger Intensität, inklusive Headbanging und grossen Gesten und aber auch einem Hang zur epischen Schönheit. Der Gruppe Volosi wurde die Ehre zuteil, die letztjährige Weltmusikmesse Womex in Katowice zu eröffnen, inzwischen hat sie sich mit Auftritten an diversen grossen Festivals für die Freiluftbühne fit gemacht. Wenn man eine Band am diesjährigen Buskers nicht verpassen sollte, dann diese.

Die Zweifelhaften

Ist es heute noch desirabel, wie die Folk-Popper von Mumford & Sons klingen zu wollen? Das Tessiner Duo Make Plain hat diese Frage mit einem klaren Jein beantwortet und sich kurzerhand vorgenommen, besser als Mumford & Sons zu klingen. Das Resultat: Die Band wurde nicht nur ans Buskers, sondern auch an die Open Airs Rock Oz’Arènes, St. Gallen und Heitere gebucht. Ob Make Plain die Musikwelt indes tatsächlich auf irgendeine Art weiterbringt, darüber möge die Promenaden-Zuhörerschaft richten.

Die Gruppe MiraMundo setzt sich aus einem ziemlich abenteuerlichen Nationenkonglomerat (Brasilien, Italien, Spanien und Mexiko) zusammen, was zwar eine hübsche Idee ist, doch sie führt dazu, dass man die Gruppe musikalisch beim besten Willen nicht mehr verorten kann. Sagen wir es so: Irgendwas mit Melodie, irgendwas mit Sehnsucht, irgendwas mit Süden, und irgendwie klingen selbst die Geigen, als hätten sie keinen festen Wohnsitz.

Die Gefährlichen

Natürlich gibts am heurigen Buskers auch Auftritte, von denen eine gewisse Gefahr ausgeht, seis fürs körperliche Wohlbefinden oder fürs Renommee des Publikums. Einer dieser Künstler ist der gefährliche Clown Samuelito aus Bern. Er wird gerne interaktiv, er bedient eine Drohne mit einer zerstörerischen Vorrichtung und er geht gerne in Nahdistanz zu seinem Publikum. Nichts für Besucher, die lieber still beobachten.

Wie immer zur Buskers-Zeit ist in Berns Gassen auch Musikfernes zu bestaunen. Heuer wird man unter vielem anderen auf Menschen treffen, die der hohen Kunst des Gemüseverbiegens frönen (Food Fest) und gastroperformativen Rituale feiern. Und es wird eine Verjüngungskur angeboten, die nur eine Minute Zeit in Anspruch nimmt – eine skandinavische «Botoxbox». Auszuprobieren auf eigenes Risiko.

Die Südeuropäer

Wer einmal wissen wollte, was die Zyprioten (abseits des Eurovision Song Contests) musikalisch so treiben, der ist bei der Gruppe Monsieur Doumani mehr oder minder gut aufgehoben. Zwar wird da munter der zypriotischen Volksmusik, dem Rebetiko, und sogar dem Sirtaki gefrönt, doch das Trio stellt sein schmales Instrumentarium (Posaune, Tsouras, Gitarre und Gesang) auch ganz gerne in den Dienst des Funk oder des Blues. Mit ihrer fröhlichen, aber durchaus auch politisch ambitionierten Musik hat es die Band schon auf Platz 1 sämtlicher Weltmusik-Charts gebracht, wurde für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert und wird vor allem vom Live-Publikum wie auch von Gralshütern der traditionellen zypriotischen Musik mit Lob und Wohlwollen eingedeckt. Man sollte da wohl ein Auge draufwerfen.

Mit Dunja Botic weiss die Gruppe Don Kipper eine Sängerin in ihren Reihen, die sich ebenfalls auf die Musik aus Südosteuropa spezialisiert hat. Mit einem hochbegabten Rudel englischer Musiker schafft sie eine moderne, mediterran-folkloristische Kraftmusik, für die man getrost etwas Hutgeld spenden sollte.

Die Hochbegabten

Aus Frankreich erreichen uns unter dem Bandnamen Pulcinella vier famose Jazzmusiker, die ihre Stammmusik mit allerlei Finten ausgestattet haben. Das Ergebnis kann auch schon mal nach Tango klingen oder nach Zirkusmusik, meistens klingt es aber ganz einfach nach höchst aufregendem und angenehm welt- und ergebnisoffenem Jazz. Hier wird man bestimmt glückliche Stunden verbringen. Dies trifft auch auf die Gruppe Viertaktmotor zu, die zu einer Stubete in Berns Gassen lädt. Neue Schweizer Volksmusik nennen die Mannen ihr Schaffen, und alles klingt aufs erste Hinhören auch ganz vertraut: Da gibts ein Hackbrett, Handörgeli, Kontrabass und Violoncello, doch irgendwie ist die Folklore dieses Quartetts ein bisschen komplexer getaktet, als wir das aus unseren Alpenkaschemmen kennen. Es scheint tatsächlich, als würde sich diese Volksmusik auch für andre Völker interessieren.

Die Weitgereisten

Wer glaubt, die auftretenden Musiker seien alle aus der Nachbarschaft rekrutiert worden, der irrt. Den längsten Anfahrtsweg nimmt Claude Hay auf sich. Der Australier, der sich mittels Schlagzeug, Bass, Gitarre und Loop-Station selbst begleitet und dabei zuweilen ziemlichen Lärm macht – im erfreulichsten Sinne des Wortes – ist sozusagen eine Einmann-Blues-Band.

Aus dem Land des Tangos reist Sandra Rehder mit ihrem Trio an und bringt – welch Überraschung – den Tango mit nach Bern. Ihre Deutung der stolzen Musik Argentiniens fällt erdig aus und ist von einer angenehm pathos­armen Leidenschaft beseelt.

Die Zutraulichen

Wie es klingt, wenn sich die südafrikanische Spoken-Word-Künstlerin Burni Aman mit einer Berner Groove-Maschinerie zusammentut, das konnte man schon wiederholt an der Berner Jazzwerkstatt bewundern, wo Aman quasi zu den Evergreens gehört. Nun wird sie – unter Mithilfe verdienter Berner Musikprominenz – das gesprochene Wort Südafrikas hiphoppend auf die Strassen Berns tragen. Wem das noch nicht zutraulich genug ist, der wird an der Marionette Freude haben, welcher die Last aufgebürdet wurde, ohne Rast einen Hinkelstein zu tragen und dergestalt ebenso rastlos auf die zuschauenden Menschen zuzugehen (Le Fil à la Patte).

Noch mehr Singfrauen

Um den Kreis zu schliessen, kehren wir zurück zum Format des singenden Frauenkollektivs: Cocanha aus der Nähe von Toulouse hat es die verstaubte Musik in okzitanischer Sprache angetan. Es sind wunderlich-schöne Folkloregesänge, welche die drei Frauen mit wildem Fussgestampfe und ebenfalls leicht verstaubter Rustikal-Perkussion darbringen.

Die Bühnen stehen, das Kopfsteinpflaster ist aufgeheizt. Es möge beginnen, das 15. Buskers. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2018, 06:37 Uhr

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