Schaut, ich zeige euch das Weltgesetz!

Zum 100. Todesjahr wagt das Kunstmuseum Bern in einer Sonderausstellung eine neue Annäherung an Ferdinand Hodler.

Symmetrie ist Harmonie: Ferdinand Hodlers «Heilige Studie» (1911).

Symmetrie ist Harmonie: Ferdinand Hodlers «Heilige Studie» (1911). Bild: Stiftung für Kultur und Geschichte/SIK-ISEA, Philipp Hitz

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Wer als Künstler seinem ganzen Werk eine Theorie überstülpt, um ihm damit eine universelle Bedeutung zu verleihen, erreicht damit meistens so ziemlich das Gegenteil. Ferdinand Hodler (1853–1918), der als junger Mann mit der Herstellung von Souvenir-Landschaften begann, 1891 mit seinem Gemälde «Die Nacht» sowohl Ablehnung als auch den internationalen Durchbruch erlebte und schliesslich Ehrenbürger der Stadt Genf und ein Künstler von Weltrang wurde: Dieser wuchtig-knorrige Nationalmaler soll ein Kunsttheoretiker gewesen sein, der sein Werk aus Geltungsdrang in ein Korsett von Prinzipien und Thesen zwängte?

«Wie ein Akademieprofessor»

Bei seinem Besuch in Ferdinand Hodlers Atelier in Genf kam der Wiener Künstler Koloman Moser aus dem Staunen nicht heraus. Der verehrte Schweizer Maler dozierte mit heiligem Ernst über seine Kunsttheorie. Schönheit war für ihn eine der Natur innewohnende Ordnung: sich wiederholende Formen und Farben, die beim Betrachter einen Eindruck von Einheit und Harmonie hervorrufen würden.

Das Horizontale dominiert: Ferdinand Hodlers «Thunersee mit Niesen» (1910). Bild: Peter Schälchli, Zürich

Koloman Moser notierte später konsterniert: «Über den Parallelismus sprach Hodler wie ein Akademieprofessor. Ich staunte nur immer von neuem, dass er trotz seiner Theorie so starke Dinger produziert – er meint ‹wegen› jener.» Und tatsächlich: Ferdinand Hodler verteidigte seine Entdeckung mit störrischer Hartnäckigkeit und konnte ziemlich unwirsch reagieren, wenn er glaubte, jemand schmücke sich mit seinen Federn. Hodler erhob den Parallelismus zum Prinzip seiner Arbeit – sei es in den Landschaften, den Historienbildern, den Porträts oder den grossen symbolistischen Allegorien –, umgesetzt mit Symmetrien oder Spiegelungen. Streng reihte Hodler Figuren, wiederholte in Wiesen dieselben Blumen und gliederte die Seen in horizontale Streifen. Hodler war überzeugt, dass die Wiederholung von Figuren oder Berggipfeln geeignet sei, die Wirkung eines Bildes zu steigern.

Und er legte zumindest rhetorisch seine ganze künstlerische Existenz in die Waagschale. «Mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit meines Parallelismus steht oder fällt mein Werk», verkündete er. «Entweder ist der Parallelismus, wie ich ihn erkannt, umschrieben und angewandt habe, ein Weltgesetz von allgemeiner Gültigkeit, und dann ist mein Werk von universeller Bedeutung, oder aber, ich habe mich geirrt, und in diesem Falle ist mein Schaffen lauter Selbsttäuschung und Trug.» Dazu passt, dass Hodlers einzige vollendete Abhandlung, der Text des Vortrags, den er 1897 in Freiburg hielt, eine Apologie des Parallelismus ist.

Die Forschung hat viel Material

«Wir wollten mit der Ausstellung in seinem 100. Todesjahr neue Wege zu Hodler aufzeigen», sagt Nina Zimmer, Direktorin von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee. Zusammen mit der Pariser Kuratorin Laurence Madeline hat sie die Ausstellung «Hodler/Parallelismus» mit rund 100 Werken konzipiert.

Hodler legte seine ganze künstlerische Existenz in die Waagschale.

Im Frühling wurde die Kooperation mit den Musées d’art et d’histoire de Genève bereits in Hodlers Todesstadt gezeigt; jetzt kommt sie in seine Geburtsstadt. Im Hodler-Jahr haben sich die anderen Schweizer Museen darauf verständigt, dass die Hodler-Schau von Genf und Bern nicht mit eigenen Ausstellungen konkurrenziert und mit Leihgaben unterstützt wird. Zimmer erinnert an die grosse Hodler-Ausstellung vor zehn Jahren im Kunstmuseum Bern und betont die veränderte Ausgangslage. Gemeint ist der mittlerweile noch bessere Forschungsstand zum breit erforschten Hodler: Dieses Jahr wurde der vierte und letzte Band des Werkkatalogs zu den rund 2000 Gemälden veröffentlicht, und seit 2009 ist das bedeutende Archiv des Hodler-Biografen C.A. Loosli im Musée des Beaux-Arts in Neuenburg zugänglich.

Wiederverzauberung der Welt

Die Ausstellung ist im Altbau auf zwei Stockwerken in zehn Kapitel unterteilt und mündet in ein Finale mit den grossen symbolistischen Bildern wie «Der Tag», «Die Nacht», «Eurhythmie», «Heilige Stunde» oder «Die enttäuschten Seelen». Auf dem Parcours wird durch Motivvergleiche anschaulich der Parallelismus in der Natur mit Blumenwiesen und frühen Waldbildern gezeigt, es gibt Szenen des Alltags («Das moderne Grütli»), und natürlich dürfen die Holzfäller in drei Varianten nicht fehlen, bei denen der Kontrast zwischen den vertikalen Baumstämmen und der Diagonalen des Körpers dem Bild Spannung und Dynamik verleiht. Bei den Thunersee- und Genfersee-Landschaften ist unübersehbar, wie Hodler mit sich auftürmenden Schichten arbeitete – vom Ufer über Wasserflächen und Wellen bis zu Wolkenbändern vor Bergmassiven oder orangem Himmel. Auch bei den Porträts kann das Wirken des Parallelismus festgestellt werden; auffällig ist seine Vorliebe für das frontale Bildnis.

Hodler verband mit seinem Konzept des Parallelismus nicht nur die demokratische Idee von der Gleichheit der Menschen, er strebte auch im pantheistischen Glauben eine Einheit und eine Verbindung alles Lebenden an – eine Wiederverzauberung der Welt, die auf den Verlust von Geborgenheit in der vorindustriellen Welt reagierte – und eine künstlerische Antwort auf die Technisierung und Beschleunigung in der Zeit des Fin de Siècle.

Klar: Hodlers Kunsttheorie war keine singuläre Erfindung, sondern fand sich in zahlreichen Ausprägungen – so in der Wahrnehmungspsychologie und in den Naturwissenschaften, wo das Mikroskop auch die Analyse von Zellstrukturen und ihren symmetrischen Mustern erlaubte. Hodler selber stiess am Ende seines Lebens an die Grenzen der Abstraktion vor, wenn er auf seinen letzten Bildern vom Montblanc, gemalt aus seiner Atelierwohnung, die Farbe nicht mehr den Formen unterordnete: Hier wird der Blick des Künstlers je nach Standpunkt mikroskopisch klein oder öffnet sich in das Nicht-mehr-Darstellbare, Kosmische.

Letztlich kann die Schau den Anspruch, einen frischen Blick auf Hodler zu werfen, durchaus einlösen, auch wenn einem, sensibilisiert durch die aufgesetzte «Weltformel»-Brille, das mitunter fast Obsessive von Hodlers Parallelismus manchmal etwas penetrant ins Auge fällt – ansonsten ist es einem unbenommen, jenseits des mitgelieferten Theoriegebäudes ins Hodler-Universum einzutauchen und seine unverwechselbare, kraftvolle Bildsprache auf sich wirken zu lassen.

Die Ausstellung dauert bis 13.1.2019. Eröffnung: Freitag, 18.30 Uhr im Kunstmuseum. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2018, 06:57 Uhr

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