Punkte und Sterne kann man nicht essen

Sind Berns Gourmets knausrig? Oder: Was zählt beim Restaurantbesuch?

Einen 19-Punkte-Leuchtturm sucht man aber vergebens, sogar für 18 oder 17 Punkte muss man aufs Land.

Einen 19-Punkte-Leuchtturm sucht man aber vergebens, sogar für 18 oder 17 Punkte muss man aufs Land.

(Bild: iStock)

Markus Dütschler

Nehmen wir Freiburg, dreimal kleiner als Bern. Dort gibt es acht Restaurants mit «Gault Millau»-Punkten, etliche davon im oberen Bereich mit 16 bis 18 Punkten. Neuenburg mit viermal weniger Einwohnern als Bern zählt sieben Spitzen-Lokale. Daraus lässt sich schliessen, dass es in einer welschen Stadt mehr Gourmets als in Bern gibt, die sich Genuss etwas kosten lassen. Und wenn in Gstaad so viele Feinschmeckerbetriebe existieren wie in Freiburg und Neuenburg zusammen, ist das ein besonderer Fall: Dort wohnen viele reiche Leute, die oft und gern viel Geld ausgeben. Sie lassen die Chefs auch fürs Catering in ihre Luxuschalets «einfliegen».

Ein Dutzend «Gault Millau»-Restaurants gibt es in Bern, fast alle im soliden 12- bis 15-Punkte-Bereich. Einen 19-Punkte-Leuchtturm sucht man aber vergebens, sogar für 18 oder 17 Punkte muss man aufs Land. Und dies in einer Stadt mit über 140000 Einwohnern, die drei Verwaltungen beherbergt? Hingegen fehlen die potenten Industrie- und Dienstleistungskonzerne weitgehend, die mit ihren Kunden Abschlüsse opulent feiern, so wie in Zürich (46 Spitzen-Restaurants). Oder sind es gar nicht so sehr die Spesenritter, die Punkte-Lokale alimentieren, wie man das für Lausanne (Olympia) oder Genf (UNO) vermuten kann?

«Use it or lose it»

Bernerinnen und Bernern sagt man nach, sie gäben nicht viel Geld aus für elegante Kleider. Man sei «z’Bärn» bald zufrieden und habe wenig Ehrgeiz, an der Spitze mitzumischen. Mag sein. Allerdings ist Bern dennoch keine Gastro-Wüste. Es gibt immer wieder Neues, junge Wilde holen Punkte, oder auch nicht. Doch sie sprechen ein Publikum an, das ihre Lokale frequentiert und wiederkommt. Denn wie überall gilt auch für Beizen: «Use it or lose it». Punkte und Sterne sind zwar ein Leitfaden, aber keine Wissenschaft. Die gemütliche Beiz mit ihren Muscheln, das rustikale Fondue-Lokal oder das kinderfreundliche Restaurant benötigen sie nicht. Die Gäste kennen und lieben sie auch so. Nur eins kann sich kein Betrieb leisten: dass der Gast am Ausgang denkt, angesichts dieser Kost und dieser Bedienung hätte er sein Geld gescheiter anders ausgegeben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt