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Polizeigewalt heizt Proteste an

Seit Tagen wird in Kolumbien demonstriert. Nun hat der Protest durch einen tragischen Zwischenfall einen Namen und ein Gesicht bekommen. Der 18 Jahre alte Schüler Dylan Cruz war in Bogotá auf einer Protestveranstaltung, als ihn eine Tränengasgranate am Kopf traf. Sanitäter mussten Cruz vor Ort reanimieren, er wurde in ein Spital ein­geliefert, und bis Montagmittag blieb sein Zustand kritisch.

Der Fall löste landesweite ­Bestürzung aus, vor allem auch deshalb, weil Handyvideos zu ­belegen scheinen, dass ein Polizist die Tränengasgranate gezielt und aus nächste Nähe auf Cruz abgefeuert hat. Die überzogene Gewalt heizt die Proteste weiter an. Am Sonntag hielten Menschen bei Demonstrationen Plakate in die Höhe, auf denen «Wir sind alle Dylan» stand.

250'000 auf der Strasse

Begonnen hatten die Unruhen letzte Woche mit einem Generalstreik und mehreren Protestkundgebungen. Die Kritik richtete sich gegen eine geplante Arbeitsmarkt- und Rentenreform, aber auch gegen Ungleichheit im Bildungssystem, Gewalt gegen Aktivisten, Umweltverschmutzung und einen zunehmenden Stillstand im Friedensprozess mit der ehemaligen ­Guerilla-Organisation Farc.

250'000 Menschen sollen sich an den Kundgebungen beteiligt haben. Sie verliefen weitest­gehend friedlich, vereinzelt kam es zu Randale und Zusammenstössen mit der Polizei. Drei Menschen starben laut Angaben der Regierung, mehr als hundert Demonstranten und Polizisten wurden verletzt. In mehreren Städten verhängten die Verwaltungen Ausgangssperren, und ­allein in Bogotá waren laut Bürgermeister Enrique Peñalosa fast 20 000 Polizisten und Soldaten im Einsatz. «Wir werden keinesfalls zulassen, dass eine winzige Minderheit aus Straftätern unsere Stadt zerstört.»

Mit Pfannen und Töpfen

Viele Menschen reagierten auf die nächtliche Ausgangssperre mit Cacerolazos, mit lautstarkem Protest: Von ihren Fenstern und Balkonen aus schlugen sie auf Pfannen und Töpfe, um so ihrem Unmut Luft zu machen. Samstag und Sonntag kam es wieder zu grossen Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern.

Angesichts der anhaltenden Protestwelle versprach Präsident Duque einen landesweiten Dialog. Er traf sich mit den Bürgermeistern der grössten Städte, und im Lauf dieser Woche soll es zu Gesprächen mit den Organisationen des Generalstreiks kommen. Viele reagierten aber mit Misstrauen auf das Angebot zum Dialog. Die Regierung habe kein einziges der Probleme, die den Protest ausgelöst hätten, in Angriff genommen, klagt etwa die Zen­trale Arbeitergewerkschaft.

Christoph Gurk, Buenos Aires

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