Lohngleichheit: «Letztes Wort ist noch nicht gesprochen»

Interview mit Sylvie Durrer, Leiterin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Die Waadtländerin Sylvie Durrer leitet das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Die Waadtländerin Sylvie Durrer leitet das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Frau Durrer, Sie haben einmal gesagt, dass Lohngleichheit die wichtigste gleichstellungspolitische Massnahme sei. Können Sie das ausführen?
Wenn Frauen nur deshalb weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen, weil sie Frauen sind, schadet das der ganzen Gesellschaft. Von gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit profitieren nicht nur die Frauen, sondern auch ihre Familien, die Wirtschaft und nicht zuletzt unsere persönlichen Sozialversicherungen.

Kein Unternehmen will Frauen bewusst weniger Lohn zahlen. Wieso verdienen Frauen für gleichwertige Arbeit trotzdem weniger?
Auch wenn Unternehmen nicht absichtlich Frauen diskriminieren, so wirken Rollenbilder und Stereotypen doch dahingehend, dass Frauen beispielsweise von ihren Vorgesetzten eine schlechtere Leistungsbewertung als Männer erhalten können.

Hat die Lohndifferenz nicht auch damit zu tun, dass das Gehalt für Frauen einen geringeren Stellenwert hat? Bei Verhandlungen der Arbeitsmodalitäten fordern Frauen eher mehr Flexibilität oder die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten.
Die Verantwortung zur Einhaltung der Lohngleichheit liegt bei den Arbeitgebenden. An ihnen ist es, für gleichwertige Arbeit gleichen Lohn zu bezahlen. So schreiben es Verfassung und Gleichstellungsgesetz vor. Was die Herausforderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft, so sind es in der Schweiz auch 2016 vor allem noch Frauen, die sich dieser Doppelbelastung stellen.

Frauen entscheiden sich aber auch häufig für Berufe, in denen die Bezahlung schlechter ist.
Die Logik ist genau anders herum. Typische Frauenberufe werden schlechter entlöhnt als typische Männerberufe. Studien zeigen auch, dass Berufe, in welchen der Anteil der Frauen im Laufe der Zeit gestiegen ist, gleichzeitig tendenziell entwertet werden – auch wenn sich die Anforderungen nicht verändert haben. Das Problem liegt also auch hier in sich hartnäckig haltenden Rollenbildern und Stereotypen.

Bundesrätin Simonetta Sommarugas Lösungsansatz sieht vor, grössere Unternehmen zu gelegentlichen Lohnanalysen zu zwingen. Was erhoffen Sie sich davon?
Wie gesagt, sind sich Unternehmen oftmals gar nicht bewusst, dass bei ihnen Probleme mit der Lohngleichheit vorhanden sind. So zeigt eine repräsentative Umfrage vom Centre patronal eindrücklich, dass mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen davon ausgehen, das Gebot der Lohngleichheit einzuhalten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen hat ihre Lohnpraxis jedoch bislang nicht analysiert. Eine weitere repräsentative Befragung im Auftrag des Bundes zeigt, dass die Hälfte derjenigen Unternehmen, welche bereits freiwillig eine Lohnanalyse vorgenommen haben, in der Folge ihre Lohnpraxis korrigierten – zugunsten der Frauen.

Wirtschaftsverbände und bürgerliche Parteien lehnen die entsprechende Vorlage ab. Sie ist also zum Scheitern verurteilt.
Die erwähnte Befragung zeigt, dass zwei Drittel der Unternehmen – also die Basis der Wirtschaftsverbände – die geplanten Massnahmen befürworten. Der Aufruf für Lohngleichheit von männlichen Bundesparlamentariern aus fast allen Parteien zeigt ebenfalls, dass das Thema kontrovers diskutiert wird. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.

Der Bund

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