«Ich kann schon Wörter, die nicht einmal Schweizer kennen»

Einst hat Kahled Al-Salloumi im syrischen Homs Beton angemischt. Jetzt stellt er bei Velafrica Velos bereit für den Transport nach Afrika.

Kahled Al-Salloumi: Velos geben Antrieb für die Zukunft des Flüchtlings.

Kahled Al-Salloumi: Velos geben Antrieb für die Zukunft des Flüchtlings. Bild: Adrian Moser

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Den Ablauf hat Khaled längst im Kopf. Sattel raus und um die Stange binden, Pedale weg und einpacken, die Luft aus den Pneus lassen. Pffft. Doch leer ist in der geschäftigen Werkstatt von Velafrica gerade nur der Fahrradschlauch. Es ist viel los, pro Tag macht Khaled al-Salloumi bis zu sieben Velos bereit für die Reise im Container nach Afrika. Im Liebefeld und an einigen anderen Standorten in der Schweiz erhalten ausgediente Fahrräder ein zweites Leben eingehaucht.

Ein bisschen fühlt es sich auch für ihn so an. Neun Monate sind vergangen, seit Khaled im syrischen Homs ein paar Koffer gepackt hat und sich mit seiner Frau und den vier Kindern auf den langen Weg in die Schweiz gemacht hat. Khaled erzählt, seine schweren Hände liegen gefaltet vor ihm, Hände, mit denen er in der Heimat Beton anmischte, Mauern und Häuser baute. Häuser, die heute teils in Trümmern liegen. «Irgendwann möchte ich auch hier auf die Baustelle», sagt er. Die Worte kommen schleppend, weil er jedes einzelne in der ihm noch etwas fremden Sprache gut abwägt. «Aber für den Moment», sagt Khaled, «kann ich mir gerade nichts Besseres vorstellen, als die Arbeit in der Werkstatt.»

Tandems in der Werkstatt

Zwei Tage die Woche ist er dort, wie aktuell rund ein halbes Dutzend Asylbewerber auch. Velafrica sorgt für Antrieb in fernen Ländern: Mit den gelieferten Velos pendeln dort Hunderte zur Arbeit oder zur Schule. Velafrica ist aber auch ein Anschub in der Schweiz, ein Integrationsprojekt. Das Rote Kreuz und die Caritas sind die Partner, und Tandems gibt es in der Velo-Recyclingwerkstatt vor allem im sprichwörtlichen Sinn: Die Asylbewerber, oft erst wenige Wochen in der Schweiz, bekommen immer einen der Freiwilligen, die in der Werkstatt tätig sind, zur Seite gestellt. Zu zweit gehen sie Rad für Rad durch, reparieren, klassifizieren die Velos nach Typ und verpacken sie zum Schluss.

Bis zu 500 Fahrräder passen in einen Container, sieben Tonnen wiegt solch ein Behälter im vollbeladenen Zustand, im Schnitt wird wöchentlich einer verschifft. Die Fahrräder gelangen nach Tansania, nach Burkina Faso, Gambia, Ghana oder Madagaskar. Immer mehr Läden und Werkstätten vor Ort zählen zu den Partnern, «wir könnten gut und gerne auch das doppelte an Fahrrädern liefern», sagt Co-Geschäftsführer Matthias Maurer. Und der Rohstoff wird in Zukunft kaum versiegen. Der Zweiradboom hält an, 2017 wurden in der Schweiz fast 340'000 Velos verkauft. Neues verdrängt Altes, 1100 Franken liessen sich Herr und Frau Schweizer das neue Gefährt im Schnitt kosten, während das alte oft nutzlos im Keller herumsteht.

Hier knüpft Velafrica seit einiger Zeit an: In grösseren Aktionen sammelt die Organisation ausgediente Räder direkt vor Ort bei den Leuten ein. Nicht alles, was abgegeben wird, ist weiterverwendbar. Vor der Werkstatt türmt sich das Altmetall, drinnen hat sich aus dem Rest ein beeindruckendes Ersatzteillager angesammelt. «Das ist das Brockenstuben-Prinzip», sagt Maurer, «wir kriegen alles umsonst, also verwerten wir es auch.»

Praxis enthüllt Fähigkeiten

Khaled al-Salloumi kommt in seinen ersten Gehversuchen auf Deutsch zu einem erstaunlich reichen Wortschatz. «Ich kann viele Wörter, die nicht einmal ein Schweizer kennt», sagt er und lacht. Manchmal bringt er sie seiner Tochter bei, die damit in der Schule glänzt, in Brügg bei Biel, wo die sechsköpfige Familie in einer 4-Zimmer-Wohnung lebt.

Die Asylbewerber bleiben in der Regel für ein paar Monate bei Velafrica. Sie gehen meist mit einem guten Gefühl wieder und mit einer klaren Vorstellung davon, wo sie auf dem Schweizer Arbeitsmarkt hinwollen. «Wir lernen die Leute kennen und können den Betreuern Stärken und Schwächen angeben», sagt Maurer. Nicht jeder müsse sich als Velomech wohlfühlen, bei einigen stelle man dafür ungeahnte Teamplayer-Qualitäten fest.

Khaled ist ein Praktiker. Und das Engagement bei Velafrica hat seine Sicht aufs Velo verändert. Als Kind hatte er in Syrien einen Fahrradunfall, das Knie machte noch Jahre später Probleme. «Das Velo war für mich keine Option mehr.» Heute ist das anders. Bald will er wieder Rad fahren. Das Velo ist sein Antrieb. Der Antrieb für eine bessere Zukunft. (Der Bund)

Erstellt: 21.01.2019, 06:40 Uhr

Kleine Anbieter fürchten die Zukunft

Wie der «Bund» bereits Ende Jahr berichtete, will der Kanton Bern seinen Asylbereich neu aufgleisen. Bis Mitte 2020 soll die Neustrukturierung umgesetzt sein. Eine der einschneidensten Änderungen bis dahin ist die Konzentration auf fünf Partner in den fünf Regionen, welche gegenüber der Gesundheits- und Fürsorgedirektion von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) die Integrationsförderung managen sollen.

Kleinere Beschäftiger im Asylbereich wie Velafrica befürchten dadurch, ihre Rolle an grössere Player im Geschäft zu verlieren. Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen, noch im aktuellen Quartal werden die neuen Partner in den Regionen Stadt und Umgebung, Jura und Seeland, Mittelland, Oberaargau sowie Oberland bekannt gegeben.

In einer Sammelaktion holt Velafrica aktuell Fahrräder direkt bei Haushalten in der Region ab. Noch bis zum 27. Januar können Bewohner mit einer Stadtberner Postleitzahl ausgediente Velos für die Abholung anmelden.

Details: velafrica.ch. (mrm)

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