Ich bin das Gesicht des Elends

Kennen Sie dieses Symbolbild? Dann lesen Sie die Geschichte dazu. Und seien Sie gewarnt vor Zwieback und Spitalessen!

Ob Vogelgrippe, Schweinegrippe, Legionärskrankheit – Immer muss unser Autor seinen Kopf herhalten.

Ob Vogelgrippe, Schweinegrippe, Legionärskrankheit – Immer muss unser Autor seinen Kopf herhalten. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Wenn mein Bild am Fernsehen, auf Websites oder in Zeitungen zu sehen ist, heisst das nichts Gutes. Ich bin nicht der ein-, wohl aber der abgebildete Kranke. Mal illustriert ein von mir im Jahr 2005 aufgenommenes Foto den Beginn einer Grippewelle, mal den Start in die Erkältungssaison. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Legionärskrankheit. Immer bin ich das Gesicht des Elends. Kürzlich sogar zur Primetime in der «Tagesschau».

Ich prangte hinter Florian Inhauser, konnte meine symbolische Wirkung aber nicht recht entfalten, weil der SRF-Ansager noch viel leidender wirkte. Er spricht und blickt ja stets so, als wäre jedes Wort, das er an die Nation richtet, eine Zumutung für ihn, als habe er eigentlich viel Besseres zu tun, verlese die Nachrichten nur, weil er als alleiniger Quell der Weisheit einer Gottheit einst treue Dienste geschworen habe.

Wie auch immer. Nun bin ich wirklich krank. Zwar habe ich nicht die Legionärskrankheit, mit der Bluewin.ch mein Bild in Verbindung brachte, aber in meinen Bronchien geht es zu und her wie in einer H&M-Filiale an einem Ausverkaufssamstag. Der Magen macht natürlich auch auf beleidigt. Die Folge: Ich verweigere – bis auf ein wenig Schokolade – die Nahrungsaufnahme. Denn ausser Hühnersuppe gibt es unter all den Speisen, die man Kranken empfiehlt, nichts, das mich auch nur im Geringsten reizen würde. Und Hühnersuppe habe ich in den letzten Tagen schon bis zum Abwinken gegessen.

Zwieback kommt am allerwenigsten infrage. Ein scheussliches Zeug ist das. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das Unwohlsein sogar noch verstärkt. Es muss einem doch auf die Psyche schlagen, wenn man wie ein depressives Meerschweinchen an ihm herumnagt. Tee, wie das durch alle Medien geschleifte Keystone-Bild von mir suggerieren möchte, trinke ich übrigens nie. Er ist in meinen Augen nichts weiter als verunreinigtes heisses Wasser. Dann lieber gleich Leitungswasser oder Pingu-Kindersirup, dessen Etikette hat immerhin etwas Tröstliches.

Das grösste Schrecknis ist aber Krankenhausessen. Die Aussicht, von in verschiedene Abteilungen unterteilten Tellern Gemüse aus dem Steamer oder salzarmes Pouletfrikassee mit noch salzärmerem Wildreis essen zu müssen, treibt mir den Angstschweiss auf die Stirn. Und dann erst diese Desserts: Meist sind es irgendwelche puddingähnlichen Konstrukte, die da in kleinen Gläsern lauern. Als Zwischenverpflegung gibts in Krankenhäusern Äpfel. Weil die so gesund sind (und weil niemand sonst mehr mehlige Äpfel kaufen würde).

Ich träume also mit leerem Magen auf dem Sofa vom Moment, der mir meine volle Gesundheit und meinen Appetit zurückbringt. Dann werde ich eine gewaltige Portion von dem wunderbaren Schwartenmagen meines Metzgers in mich reinstopfen. Grosszügig garniert mit gewürfelten Essiggurken aus dem Fass, roten Zwiebeln und Kresse. Das Dressing aus Sonnenblumenöl, Kürbiskernöl und Estragonhausessig von Gegenbauer in Wien.

Sollte jemand von der Firma Keystone, die nun schon seit über zwölf Jahren Geld verdient mit meinem Bild, diese Zeilen lesen: Ich würde mich über eine kleine Aufmunterung in Form von Sprüngli-Pralinés (Teuscher geht zur Not auch) sehr freuen. Die damals bezahlten 500 Franken scheinen mir als Gage rückblickend etwas mager. Meine Lieblingssorten bei Sprüngli sind: Piemonteser, helle Truffes du Jour, Noci und Gianduia Rustica.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2018, 18:20 Uhr

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