«Halbliter-Dosen verleiten zum stärkeren Konsum»

Wer mehr als zwei Bier pro Tag trinkt, riskiert seine Gesundheit. Corine Kibora von Sucht Schweiz erklärt die neuen Richtlinien.

Zu hoher Alkoholkonsum: Festivalzeit ist Trinkzeit. (Archivbild)

Zu hoher Alkoholkonsum: Festivalzeit ist Trinkzeit. (Archivbild) Bild: Keystone

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Es ist Sommer, Zeit der Festivals, der Gartenfeste, der WM-Spiele im Public viewing und die Eidgenössische Kommission für Alkoholfragen gibt strengere Empfehlungen ab für den Alkoholkonsum: täglich nicht mehr als zwei Gläser Bier, Wein oder Schnaps für Männer und nicht mehr als ein Glas für Frauen. Geht das nicht an der Realität vorbei?
Es handelt sich um eine Information, die sich auf die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Folgen des Alkoholkonsums stützt. Wer sich an diese Empfehlungen hält, geht kein erhöhtes Risiko ein, gesundheitliche Schäden zu erleiden. Es sind keine normativen Regeln. Die Leute bleiben frei, gleich wie wenn sie sich dafür entscheiden, mit den Skiern abseits der Pisten oder ohne Helm zu fahren. Auch dabei geht man ein erhöhtes Risiko ein. Wir wollen die Menschen über die Risiken des Alkoholkonsums informieren.

Bisher galt die Regel: 3 Standardgläser für Männer und 2 für Frauen. Warum sind es nun plötzlich weniger?
Die Höchstmenge wurde aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse präzisiert. Wir sagten schon bisher 2-3 Gläser, beziehungsweise 1-2 Gläser. Wer mehr als die nun empfohlenen Mengen trinkt, nimmt ein erhöhtes Risiko in Kauf, beispielsweise an Speiseröhren-, Magen-, Darm- oder Brustkrebs zu erkranken. Das sind sich viele Menschen nicht bewusst. Die meisten denken bei gesundheitlichen Schäden an Leberzirrhose oder Demenz. Aber dies sind die möglichen Folgen von starkem Alkoholkonsum.

Alkohl ist gesellschaftlich akzeptiert und viele legen ein anderes Trinkverhalten an den Tag, als Sie es empfehlen. Drei junge Frauen überqueren beispielsweise in Bern um die Mittagszeit den Bahnhofplatz mit einer Prosecco-Flasche in der Hand: Man trinkt mal eben so zwei, drei Deziliter 14-Prozentiges.
Sicher hat sich die Einstellung zum Alkoholkonsum verändert. In der Öffentlichkeit zu trinken ist breit akzeptiert. Dazu tragen die leichte Erhältlichkeit von Alkohol bei und die tiefen Preise. Eine Dose Bier ist bereits für 50 Rappen erhältlich. Wir hatten uns für gesetzliche Mindestpreise und ein Verkaufsverbot ab 22 Uhr eingesetzt. Aber das Parlament lehnte das ab. Auch wurden hochprozentige Alkoholika wie Wodka 1999 aufgrund einer Gesetzesänderung günstiger. Dann wurde auch das Werbeverbot für Bier am Fernsehen aufgehoben.

Viele Pendler trinken schon auf dem Heimweg im Zug eine Dose Bier oder auf der Strasse und haben damit das empfohlene Mass von zwei Standardgläsern à 2,5 Deziliter bereits erreicht, bevor sie zuhause sind. Sind die Trinkempfehlungen nicht unrealistisch tief angesetzt?
Nochmals, es handelt sich um eine Information über die Grenzen eines unproblematischen Alkoholkonsums aufgrund wissenschaftlicher Studien. Wir wollen informieren, nicht erziehen. Tatsächlich werden die Konsumenten allein nur schon dadurch, dass Bier fast nur noch in Halbliter- statt wie früher in 3 Deziliter-Dosen erhältlich ist, zum stärkeren Konsum verleitet.

Sie empfehlen nicht nur, wenig Alkohol zu trinken, sondern auch zwei bis drei Tage pro Woche abstinent zu bleiben. Schwierig in Zeiten der sommerlichen Lockerheit.
Ja, aber die Empfehlungen sagen auch, dass ausnahmsweise an einem Abend mal fünf (Männer) beziehungsweise vier (Frauen) Standardgläser getrunken werden können. Aber das sollte nicht oft geschehen. Zwar ist der Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft sehr präsent, aber der Gesamtkonsum geht in der Schweiz zurück. 11 Prozent der Bevölkerung konsumieren die Hälfte des Alkohols und 20 Prozent haben ein risikoreiches Trinkverhalten, aber 14 Prozent trinken gar nicht.

Warum sollen Frauen eigentlich weniger Alkohol trinken als Männer?
Frauen haben durchschnittlich mehr Fett und weniger Wasser pro Kilogramm Körpergewicht. Die unterschiedlichen Anteile Körperwasser und Körperfett führen dazu, dass die Blutalkoholkonzentration bei gleicher Menge Alkohol bei einer Frau in der Regel höher ist als bei einem Mann mit demselben Körpergewicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2018, 19:47 Uhr

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