Hählen: «Ich fiel aus allen Wolken»

Selbst ein Kreuzbandriss hält Joana Hählen nicht davon ab, mit 140 km/h über die Abfahrtspisten zu sausen. Ihre Verletzung hatte die 26-jährige Lenkerin zunächst gar nicht bemerkt.

Kaum zu bremsen: In sieben Wochen wird Joana Hählen in Kanada ihre Saison eröffnen – Kreuzbandriss hin oder her.

Kaum zu bremsen: In sieben Wochen wird Joana Hählen in Kanada ihre Saison eröffnen – Kreuzbandriss hin oder her. Bild: Anders Wiklund/Keystone

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Mit einem gerissenen Kreuzband in die Weltcupsaison ­steigen – klingt verrückt.
Joana Hählen: Wenn man das so hört und die Umstände nicht kennt, dann ist es das auch (lacht). Mein linkes Kreuzband ging bereits vor einem halben Jahr kaputt; auf eine konservative Behandlung zu setzen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Zumal ich nach dem Sturz im April vor den Schweizer Meisterschaften gedacht hatte, es sei nichts Schlimmes passiert.

Spürten Sie keine Schmerzen?
Es tat ein bisschen weh. Aber ich stand auf und fuhr ins Ziel. Weil das Kreuzband bereits einmal operiert worden war, sahen die Ärzte auf den Röntgenbildern nicht sonderlich viel. Sie gingen von einer Prellung aus, und ich fühlte mich wie ein Glückskind. Ich ging nochmals Ski fahren, danach reiste ich in die Karibik zum Kitesurfen, alles ging relativ problemlos. Während des Rückflugs aber schwoll das Knie an – da wurde mir klar, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte.

Wie nahmen Sie die Diagnose auf?
Nach dem zweiten MRI und dem Befund Kreuzbandriss fiel ich aus allen Wolken und dachte: Spinn ich jetzt? Doch im Gespräch mit dem Chirurgen, der mich früher einmal operiert hatte, wurde mir bewusst, dass ich mit einer konventionellen Therapie und intensivem Kraftaufbau gute Chancen haben würde. Sonst wäre die Saison futsch gewesen, bevor ich ein einziges Tor passiert hätte.

Wie fühlen Sie sich, rund sieben Wochen vor den ersten Speed­rennen in Lake Louise?
Wenn ich es übertreibe, dann meldet sich das Knie. Ich gehe oft zum Physiotherapeuten, im Sommer kümmerte er sich in Magglingen Tag für Tag um mich. Bei Sprüngen und Stop-and-go-Bewegungen muss ich etwas vorsichtig sein; aber ich kann Tennis spielen, über Hürden springen. Wichtig ist, dass ich Vertrauen ins Knie gewinne.

Haben Sie das mentale Training intensiviert?
Massiv sogar. Ich darf nicht zu viel Respekt haben vor Schlägen auf den Pisten, vor schlechter Sicht, vor Sprüngen. Im Trainingslager in Chile war ich vor der ersten Abfahrt nervöser gewesen als üblich. Nun geht alles besser, es fühlt sich an, als wäre nichts gewesen. Fast jedenfalls.

«Es fühlt sich an, als wäre nichts gewesen. Fast jedenfalls.»

Wie meinen Sie das?
Die Form passt. Aber ich muss zumindest in diesem Winter eine Schiene tragen – quasi zur physischen und psychischen Sicherheit.

Auch Carlo Janka hatte sich vor Jahresfrist nach einem Kreuzbandriss gegen eine Operation entschieden und das Training bald wieder aufgenommen. ­Haben Sie ihn um Rat gefragt?
Wir hatten mehrmals Kontakt. Wobei man unsere Fälle nicht miteinander vergleichen kann. Carlo stürzte im Oktober, wenige Tage vor Saisonbeginn. Er ging an Krücken, erlitt einige Rückschläge, hatte es viel schwerer als ich. Und doch erging es ihm ziemlich gut, das motiviert mich ungemein. Er sagte: «Denk nicht zu viel ans Knie. Fahr einfach.»

Hat jemand versucht, Sie umzustimmen?
Es waren ein paar wenige. Die wichtigen Leute stehen hinter meinem Entscheid, die Trainer sowieso. Klar, ich habe einen wilden Fahrstil (lacht). Aber ich fühle mich auf den Skiern sehr sicher. Es gibt kein erhöhtes Verletzungsrisiko.

Dank Platz 14 in der Super-G-Weltrangliste gehören Sie erstmals zum Schweizer Nationalteam. Haben Sie Ihre Ziele aufgrund der Umstände dennoch nach unten korrigiert?
Nein, keineswegs. Ich möchte erstmals auf dem Podest stehen und an der WM vorne mitmischen. An und für sich habe ich kaum Druck: Es fühlt sich wie ein Lottosechser an, dass ich in diesem Winter im Weltcup überhaupt dabei sein kann.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2018, 10:36 Uhr

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