Grüne können ihre Sitze im Nationalrat praktisch verdoppeln

Die grüne Welle wird den Grünen in rund zehn Kantonen neue Sitze bescheren. In der Defensive befinden sich damit die SVP und CVP.

Einige Parteien dürfen sich auf die Wahlen freuen: Delegiertenversammlung der Grüne Schweiz in Rapperswil-Jona.

Einige Parteien dürfen sich auf die Wahlen freuen: Delegiertenversammlung der Grüne Schweiz in Rapperswil-Jona.

Die Grünen könnten am 20. Oktober ihre Sitzzahl im Nationalrat im äussersten Fall praktisch verdoppeln. Auch die Grünliberalen könnten zulegen. Dagegen verliert die SVP voraussichtlich in mehreren Kantonen Sitze, und auch die CVP muss zittern.

Angesichts der Ausgangslage pro Kanton könnten die Grünen in ungefähr zehn Kantonen neue Nationalratssitze holen und damit ihre heute zwölfköpfige Delegation beinahe verdoppeln. Auch die Grünliberalen könnten mehrere zusätzliche Mandate erobern. Umgekehrt befinden sich SVP und CVP oft in der Defensive.

Grüne Welle in Zürich und Luzern

Wortwörtlich grüne Wellen schwappten im vergangenen Frühling bei kantonalen Wahlen über Zürich und Luzern hinweg, die nun erneut anrollen könnten. In beiden Kantonen verlor die SVP im Frühling, in Luzern auch die CVP. Diese hat in Zürich nur noch wenig Gewicht, und sie muss einen ihrer zwei Sitze neu besetzen.

Hohe Erwartungen hegt Grün auch in Genf und in der Waadt, wo dank Verschiebungen der Bevölkerungszahl je ein Sitz mehr zu vergeben ist. In Genf könnten den Grünen die Skandale um bürgerliche Politiker Aufwind geben. In der Waadt muss Claude Béglé (CVP) nach der Polemik um Äusserungen über Nordkorea um die Wiederwahl bangen.

Im Wallis erwarten Beobachter eine Talfahrt der CVP-Fraktion, zulasten der Oberwalliser CSP-Vertreters Thomas Egger. Den Grünen werden höhere Chancen eingeräumt als der SP, dieses Mandat zu erobern.

In Zug steht die frühere grüne Regierungsrätin Manuela Weichelt in der Pole-Position, um den 2011 verlorenen Sitz von Jo Lang zurückzuholen. Hier ist wegen eines Rücktritts für einmal die FDP in der Defensive.

Ostschweiz: Grüne bedrängen SVP

Eng wird es für die SVP namentlich in der Ostschweiz. In St. Gallen steht sie nach dem Rücktritt von Toni Brunner ohne Zugpferd da. Ihr 2015 dank Restmandaten erreichter fünfter Sitz könnte an Grüne oder GLP gehen. Auch im Kanton Thurgau bedrängt Grün die SVP.

In Graubünden könnte die SVP einen ihrer zwei Sitzen verlieren; die Mandate halten derzeit Heinz Brand und Magdalena Martullo. Schliesslich könnte der SVP auch der einzige Ausserrhoder Nationalratssitz wieder abhanden kommen. Im Halbkanton verlor die SVP Anfang 2019 fünf ihrer zwölf Kantonsratsmandate.

Für das grüne Lager im Kanton Bern ist ein Sitzgewinn zwar möglich, doch die Grünliberalen müssen einen Wackelsitz verteidigen. Gleichzeitig ist die SVP unter Druck. Sie muss ohne den früheren Fraktionschef Adrian Amstutz antreten und hatte 2015 vom Proporzglück profitiert. Hinzu kommt, dass Bern einen seiner 25 Sitze im Nationalrat verliert.

Reicht es den Grünen in Neuenburg für einen Sitz, könnte das auf Kosten von Denis de la Reussille (PdA) gehen, der in der grünen Fraktion politisiert. Denn Experten gehen davon aus, dass die Neuenburger SVP ihren Sitz trotz ihrer Krise verteidigen kann.

Generationenwechsel im Aargau

Im Aargau machen sich die Grünen Hoffnung angesichts des anstehenden Generationenwechsels in der siebenköpfigen SVP-Delegation. Auch die Aargauer CVP hofft auf ein zweites Mandat, sie hat sich mit der GLP verbündet. Verteidigen muss die SVP auch den Urner Nationalratssitz, in diesem Fall gegen SP und CVP.

In Basel-Stadt dagegen ist der Sitz von Nationalrätin Sibel Arslan (BastA!), die in der Grünen Fraktion politisiert, hart umkämpft. Den Sitz holten die Grünen vor vier Jahren dank der Listenverbindung mit der SP und auf Kosten der CVP. Die bürgerlichen und die Mitte-Parteien - wenn auch ohne SVP - wollen ihn vereint zurückholen.

«Optimistischstes Szenario»

Im Tessin - der Südkanton spürte bei seinen Wahlen im Frühling die Grüne Welle nicht - nehmen Rot-Grün auf der einen und SVP und Lega auf der anderen Seite die Mitte in die Zange. FDP und CVP sind zur Verteidigung ihrer Mandate eine Listenverbindung eingegangen - ein historischer Akt.

Eine Verdoppelung der Sitze ist für die Grünen das optimistischste Szenario, wie Vizepräsidentin und Nationalrätin Lisa Mazzone (GE) auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Politologe Claude Longchamp nennt eine praktische Verdoppelung der Grünen Delegation im Nationalrat «überschätzt».

Longchamp geht davon aus, dass unter dem Strich zwischen fünf und sieben oder acht zusätzliche grüne Sitze drin liegen. Den Verlust der SVP schätzt er auf neun Mandate. Er verweist dabei auf das Mobilisierungspotenzial der Partei in der Endphase des Wahlkampfs.

Unsichere Lage für BDP

Unsicher ist die Lage für die BDP, die in Zürich und Graubünden Wähler verloren hat. Entsprechend stehen ihre Nationalratssitze in den beiden Kantonen in Frage. Eine Zitterpartie wird auch für die BDP Aargau erwartet. Möglicherweise geht der dortige BDP-Sitz an die EVP, mit der die BDP eine Listenverbindung eingegangen ist.

Für die BDP steht damit die eigene Fraktion in Frage. Zurzeit stellt sie sieben Nationalratsmitglieder. Für eine eigene Fraktion müssen sich mindestens fünf Mitglieder einer Kammer zusammenschliessen.

sep/sda

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