Ein Trauerspiel zum Abschied

Lausanner Chaoten stürmen den Platz und greifen Thun-Fans an, die Partie wird beim Stand von 2:0 für den FC Thun abgebrochen. Lausanne steigt mit einem ­Debakel ab.

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Ein lauter Knall kündet das Übel an: In Lausanne läuft die zweite Halbzeit, Thun hat soeben durch Marvin Spielmann das 2:0 erzielt. Gegen einen Gegner, der an diesem Nachmittag nie den Eindruck vermittelt hat, dass er daran glaubt, den Abstieg noch verhindern zu können.

Die leblose Darbietung der Lausanner wird nur durch das hirnlose Verhalten einiger seiner Fans getoppt. Auf den Knallkörper, der einen mehr als hundert Meter entfernt zusammenzucken lässt, folgen Pyros, welche einige Fans auf den Platz werfen. Einer der über tausend Grad heissen Bengalos verfehlt einen Kameramann, der mit dem Rücken zu der Fankurve sitzt, nur knapp. Thuns Sportchef Andres Gerber steht von der Ersatzbank auf und geht zum Mann hin, um ihn zu warnen. Dieser bringt sich daraufhin in Sicherheit, der Regisseur muss mit anderen Bildern auskommen. Versuche des Lausanner Captains Alain Rochat, die Fans zu beruhigen, schlagen fehl. Plötzlich verlassen rund fünfzig von ihnen das Stadion.

Dass die Fans aus Protest gehen, glaubt nur, wer blauäugig ist. Am Vortag hat die Polizei in Hamburg nach dem Abstieg des HSV aus der Bundesliga einen Platzsturm mit Grossaufgebot verhindert. In Lausanne ist keine Polizei zu sehen, nur ein mit Pfefferspray bewaffnetes Sicherheitsdispositiv, das sich unter der Lausanner Kurve zurückhält.

Plötzlich tauchen die Lausanner Anhänger wieder auf, am andere Ende des Feldes, auf der Seite des Thuner Fanblocks. Rund zwanzig vermummte Chaoten stürmen in Richtung der Kurve, versuchen Fanutensilien zu stehlen, sie setzen auch Eisenstangen ein. Die wenigen Thuner, die sich ihnen entgegenstellen, werden niedergeschlagen und mit Füssen malträtiert.

Chaoten stürmen auf den Platz in Lausanne und provozieren einen Spielabbruch.

Es sind Wildwestszenen, solche, die man in einem Stadion hierzulande schon lange nicht mehr gesehen hat. Aber sie passen zu den negativen Schlagzeilen, die Schweizer Fans zuletzt schrieben. Erwähnt seien etwa tätliche Angriffe auf Personal in den Fanzügen oder die Massenschlägerei von Zürcher Hooligans beim Prime Tower.

Lausannes deutliche Worte

Als das Sicherheitsdispositiv in Lausanne endlich eingreift, fliehen die Chaoten über den Tribüneneingang, über den sie sich Zutritt verschafft haben, unbehelligt von den Securitys. Nach einer Minute ist das traurige Schauspiel beendet, zurück bleiben Fragen. Zum Beispiel, warum Lausanne nicht auf ein solches Szenario vorbereitet war. Die Liga, der Club und die Polizei werden in den nächsten Tagen Antworten finden müssen.

Schiedsrichter Sandro Schärer entscheidet nach rund zwanzigminütiger Bedenkzeit, die Partie nicht wieder anzupfeifen. Den beiden Trainern erklärt er, die Sicherheit könne nicht gewährleistet werden. Wenn die Fans den Platz stürmen können, können sie sich auch zu den Katakomben Zutritt verschaffen, lautet seine Begründung.

Und so steigen die Lausanner, die nach der Übernahme des milliardenschweren Chemieunternehmens Ineos im November von europäischen Höhenflügen träumten, mit einem Debakel in die Challenge League ab. Die Kantonspolizei Waadt nimmt später an verschiedenen Orten in der Stadt rund zehn Personen fest, wie eine Sprecherin sagt.

Lausannes Clubpräsident David Thompson verurteilt den Vorfall scharf, man werde die Chaoten belangen und schauen, dass sie nie wieder einen Fuss ins Stadion setzen können. «Ich schäme mich für das, was passiert ist, und kann mich dafür beim FC Thun nur entschuldigen», sagt er. Am Engagement von Ineos aber ändere der unschöne Abstieg nichts, meint der CEO der Ineos Fussball AG. Lausanne peilt den direkten Wiederaufstieg an, auf die Saison 2019/2020 soll das neue, 12'000 Zuschauer fassende Stadion stehen.

Thuner wundern sich

Die Thuner muss das alles nicht kümmern, sie haben drei Tage nach dem Klassenerhalt gezeigt, warum sie es verdient haben, in der Super League verbleiben zu können. Sie waren von Beginn an tonangebend gegen einen erstaunlich lethargischen Gegner. «Wir haben erwartet, dass bei Lausanne mehr Feuer drin sein wird», sagt Innenverteidiger Roy Gelmi und wundert sich, wie viel Raum und Zeit ihnen von den Lausannern zugestanden wurde.

Es dauerte jedoch bis zur 49. Minuten, bis die Thuner die vielen Freiheiten in Zählbares ummünzten. Dejan Sorgic düpierte Torhüter Thomas Castella, leicht aus dem Offside startend. Und eine knappe Viertelstunde später war Spielmann nach einem Corner Tosettis erfolgreich. Es war der Anfang vom Lausanner Ende.

Forfaitsieg wahrscheinlich

Noch ist nicht klar, welche Konsequenzen der Platzsturm hat, die Liga eröffnete am Sonntagabend ein Disziplinarverfahren. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Thuner forfait gewinnen. Zumal Lausannes Abstieg wegen Sions Sieg gegen St. Gallen so oder so besiegelt ist. «Alles andere als ein ­Forfaitsieg wäre ein Riesenwitz», sagt Sportchef Andres Gerber. Thompson kündet derweil an, sich nicht gegen eine Niederlage wehren zu wollen.

Drei Punkte würde in diesem Fall Thuns Abstand auf Platz 5 betragen, der für die Europa-League-Qualifikation berechtigen würde. Diesen zu erreichen, sei das letzte Ziel der Saison, sagt Trainer Marc Schneider. Die Oberländer müssten dafür nächsten Samstag in der Stockhorn-Arena Sion bezwingen und auf eine Niederlage St. Gallens hoffen. Die Ostschweizer allerdings empfangen das inferiore Lausanne. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2018, 06:35 Uhr

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