«Die Chilbi und das Reisen habe ich im Blut»

Der Schausteller Alain Bergdorf führt ein Leben im Dienst der Spassgesellschaft. Auf der Schütz macht ihm höchstens der Regen zu schaffen.

Bergdorf ist Bastler, Unterhalter und Pädagoge in Personalunion.

Bergdorf ist Bastler, Unterhalter und Pädagoge in Personalunion. Bild: Valérie Chételat

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Es blinkt, glitzert und schillert in allen Farben. Durch die Lautsprecher dröhnen Kassenschlager von Stars und Sternchen. «IIschtigeplatznäh», verheisst die Durchsage. Bei strömendem Regen scheinen sich nur wenige für einen Besuch auf der Schütz erwärmten zu können: Kinder in Begleitung ihrer Grossmütter – und andere, die den Anschein erwecken, als dürste ihnen mehr nach Hochprozentigem als nach Adrenalinschüben.

Alain Bergdorf sitzt im Kassenhäuschen seiner Grossanlage. Er ist Schausteller, so wie es bereits seine fünf Vorfahren waren. Schon sein ganzes Leben lang ist der Sprössling einer Jenischen und eines Schaustellers auf Achse. Mittlerweile in Begleitung seiner Frau, seiner drei Töchter, der Schwiegersöhne und Grosskinder. Hier auf der Berner Schützenmatte ist er zum dritten Mal.

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«Fahren Sie?» Eine junge Frau blickt fragend ins Häuschen und das kleine Mädchen neben ihr tut es ihr erwartungsvoll gleich. «Bien sûr», erwidert Bergdorf. «Deutsch habe ich leider nie gelernt.» Auch ein Schulzimmer habe er nie von innen gesehen. Wie die meisten Chilbi-Kinder damals sei er von den Eltern unterrichtet worden. «Heute ist das anders.» Bereits seine drei Töchter hätten über längere Perioden die Schule besuchen können, wenn sie länger in einer Region verweilten. Heute seien alle drei ebenfalls Schaustellerinnen.

Bergdorfs Bahn zischt vorbei, das Mädchen kreischt, vielleicht auch wegen des prasselnden Regens. Die Arbeit auf dem Jahrmarkt erfordere eine «dicke Haut», sagt Bergdorf. Bei jedem Wetter draussen zu sein, die Launen der Kundschaft zu ertragen, ohne dabei je das Lächeln zu vergessen, um schliesslich nach ein paar Tagen das Spiel an einem anderen Ort von vorn zu beginnen – das sei nicht jedermanns Sache. «Die Chilbi und das Umherreisen hat man im Blut», sagt er, «oder eben nicht.»

Vielleicht mangle es manchen Schaustellern an Schulbildung, aber hier brächten einen nur die Erfahrungen weiter, die dieser Alltag mit sich bringe. Er erfordere vielseitige Talente. So sei er Bastler, Unterhalter, Elektriker, Chauffeur und Pädagoge in Personalunion.

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Erneut scheppern Animationsrufe durch die Lautsprecher, die Dämmerung setzt ein und die Lichter werden greller, die Welt im Dienste der Vergnügungssucht erwacht zum Leben. Die Anforderungen an ihr Angebot seien hoch, so Bergdorf. Die Leute kämen um sich zu amüsieren. Das Internet habe die Bedürfnisse der Kundschaft verändert, sie sei schneller gelangweilt.

Neben den Investitionen für Wartung und Sicherheit müsse er auch regelmässig Modernisierungen vornehmen. «Reich wird man in diesem Beruf nicht.» Trotzdem, wünscht er sich kein anderes Leben. Seine Tätigkeit ist für ihn mehr als ein Beruf, geradezu ein Teil seiner Identität. «Sesshaft zu werden» könne er sich ebenso wenig vorstellen, wie «alleine» zu reisen.

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So schätze er es, stets die Familie um sich zu wissen. Seine Frau bedient gerade ihren Flugsimulator nebenan, und die Bahn etwas weiter vorne gehört einer seiner Töchter. Wie bei den meisten Schaustellerdynastien, ist auch bei den Bergdorfs die Familie das Rückgrat des funktionierenden Betriebs. Auf den Schweizer Jahrmärkten treffe man deshalb auch immer wieder auf dieselben Familien.

Ein beachtlicher Zusammenhalt bestehe aber auch sonst unter den Schaustellern. «Die Chilbi ist wie eine grosse Familie». Man respektiere und helfe sich. Quereinsteiger hätten es allerdings schwer, einen Platz im hart umkämpften Markt zu finden. Doch wer zum «Kuchen» gehöre, könne auf Unterstützung zählen.

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Die Vandalenakte vom letzten Jahr in Bern waren für ihn kein Grund, nicht mehr mitzumachen. Dennoch: Die Sicherheit auf der Schützenmatte sei in den letzten Jahren ein Problem für die Schausteller geworden. Davor habe man sich in Bern höchstens «vor dem Regen» fürchten müssen.

Nach dem Zibelemärit geht es weiter nach Genf, an die traditionelle Weihnachtschilbi. In der Nähe befinde sich auch Bergdorfs amtliche Wohnadresse, einen festen Wohnsitz habe er aber nicht. Wann er denn wohl genug vom ewigen Umherreisen habe? «Nie, ich kann gar nicht anders», erwidert er. (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2015, 09:15 Uhr

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