Die Arroganz der Serena Williams

Der Eklat im US-Open-Final zeigt die Fehler einer Sportszene auf, in der Eigeninteressen und Personenkult immer stärker werden.

War mit dem Schiedsrichter überhaupt nicht einer Meinung: Serena Williams. Video: Tamedia/AP/SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wohl noch nie hat ein Grand-Slam-Final so viele Leute bewegt, die sich sonst nicht für Tennis interessieren, wie jener zwischen Serena Williams und Naomi Osaka am US Open. Leider wurden die Diskussionen aber grösstenteils auf einer falschen Ebene geführt. So auch gestern in dieser Zeitung, wo Michèle Binswanger Williams als «Heldin des Regelbruchs» ein Denkmal setzen wollte.

Wenn überhaupt, gehörte das Denkmal Schiedsrichter Carlos Ramos. Doch der Portugiese wurde – wie die Siegerin Osaka – zum Opfer der Egozentrik der Verliererin. Hier soll aber nun nicht Williams als Alleinschuldige angeprangert werden. Sie ist das Produkt eines Systems und einer Fankultur, die Sportstars vergöttert und unantastbar macht, umso mehr, wenn sie für ihre Branche überlebenswichtig sind und im äussersten Fall sogar das Schutzschild eines afro-amerikanischen Hintergrunds und des Sexismus vorschieben können.

Es überrascht nicht, dass Williams den Eindruck bekommen musste, sich alles erlauben und jede Regel missachten zu können, ja sogar grösser als das Tennis selber zu sein. Seit Jahren getraute sich niemand, ihr die Stirn zu bieten. Williams ist längst keine normale Tennisspielerin mehr. Sie ist eine Ikone des Frauensports, der Schwarzen und des Kampfes um die Gleichberechtigung. Entsprechend divenhaft pflegt sie aufzutreten. Sie schreitet durch Turnieranlagen wie eine Königin, stets von einem treu ergebenen Hofstaat eskortiert. Von Funktionärinnen, die selber an Fans erinnern.

Williams hat eine Geschichte für verbale Entgleisungen und Undiszipliniertheiten.

Mit Carlos Ramos, einem integren und sehr erfahrenen Schiedsrichter der Männertour, geriet Williams nun für einmal an den Falschen. Als dieser sich erfrechte, gegen sie eine Verwarnung wegen (offensichtlichen) Coachings auszusprechen, war sie ausser sich. Majestätsbeleidigung! Die meisten Spieler hätten wortlos weitergespielt. Im Wissen, dass sie für die Handlungen ihrer Coaches verantwortlich und solche Verwarnungen nicht gegen sie persönlich gerichtet sind. Nicht Williams, die eine Geschichte für verbale Entgleisungen und Undiszipliniertheiten hat, schon eine Linienrichterin massiv bedrohte und Gegnerinnen beschimpfte. Je mehr ihr die Partie entglitt, umso mehr steigerte sie sich in ein kindisches Geklage.

Ein anderes Problem ist, dass die Tennis-Touren in der Regel von Schiedesrichtern kontrolliert werden, die nicht unabhängig und entsprechend schwach sind. Viele Refs sind Angestellte der Tour. Bestrafen sie Stars, bestrafen sie die ganze Sportart – und letztlich sich selber. Das gilt auch bei den Männern, wo Rafael Nadal schon durchsetzte, dass ein Schiedsrichter seine Partien nicht mehr leiten durfte.

Bezeichnend waren denn auch die Reaktionen aus den dem Frauentennis zugeneigten Kreisen, in deren Zentrum Altstar Billie Jean King steht, eine Vorkämpferin der Emanzipation: kein Wort der Kritik an Williams. Im Gegenteil: Katrina Adams, Präsidentin des amerikanischen Verbandes USTA, lobte die Verliererin nach dem Final in einer Huldigung als «wahren Champion». Und die WTA-Tour, die die Frauenturniere leitet, sah sich zu einem Statement bemüssigt, das festhielt, die 23-fache Grand-Slam-Siegerin sei von Ramos zu hart sanktioniert worden im Vergleich zu den Männern – und Coaching müsste auch an Majorturnieren erlaubt sein.

Indem Williams auch den Vorwurf des Sexismus ins Feld führte, verschob sie die Diskussionen endgültig auf eine falsche Ebene – aber auf eine, auf der sie gar nicht verlieren kann. Aber einmal angenommen, Alison Hughes, am Sonntag Schiedsrichterin beim Männerfinal, hätte Novak Djokovic wegen Coachings verwarnt, ihm dann wegen Racketzerstörens einen Punkt abgezogen und schliesslich auch noch ein Game, weil er sie als «Diebin» und «Lügnerin» bezeichnet und lautstark eine Entschuldigung gefordert hatte.

Wäre sie auch ausgebuht, aus dem Stadion eskortiert und von der Siegerehrung verbannt worden? Oder wäre sie als «Heldin der Regeln» gefeiert worden, weil sie sich nicht von grossen Namen blenden liess und mutig ihren Job erledigte? Hätte ihr jemand Sexismus vorgeworfen? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 17:19 Uhr

Artikel zum Thema

Heldin des Regelbruchs

Kommentar Serena Williams machte dem Schiedsrichter nach dem US-Open-Final einen Sexismus-Vorwurf. Warum sie recht hat, auch wenn sie falschliegt. Mehr...

Von «danke Serena» bis zu «schäm dich, Serena»

Sexismus oder nicht? Nach dem Eklat beim US-Open-Final zwischen Serena Williams und Naomi Osaka gehen die Meinungen weit auseinander. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...