Das Schauspiel der sterbenden Nadel

Im Oktober produzieren die Lärchen einen Goldrausch der besonderen Art. Der Indian Summer im Wallis und Engadin ist ein grandioses Schauspiel von kurzer Dauer.

Flammendes Gelb im Engadin: Die Lärchen geben noch mal alles. Foto: Getty

Flammendes Gelb im Engadin: Die Lärchen geben noch mal alles. Foto: Getty

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Das Bähnchen hinauf zur Hannig­alp ist Mitte Oktober schon im Winterschlaf, viele Hotels sind bereits geschlossen. Wir müssen die 500 Höhenmeter unter die Füsse nehmen, dafür gehört die Natur uns ganz allein. Ab und zu plaudert noch eine Meise, aber sonst ist es still im Lärchenwald von Saas- Fee. Ab Mitte Oktober ist es ein Märchenwald, ein Farbenrausch in Goldtönen. Flammendes Gelb, Orange und Bronze – die Lärchen geben kurz vor dem Winter noch mal alles, die ganze Palette optischen Glücks ist da. Sie sind im Sparmodus, denn die Tage sind kürzer und kälter geworden. Die Nährstoffe ziehen sich aus den Nadeln zurück – ein Prozess, der nur 14 Tage dauert, bereits Ende Oktober ist das grandiose Spektakel vorbei. Die Nadeln fallen, der erste Schnee kommt, und der himmlische Beleuchter packt seine goldenen Schein­werfer wieder ein.

Unten liegt Saas-Fee um 3 Uhr nachmittags schon im Schatten. Doch der Weg am Hang ist noch besonnt, in langen Serpentinen zieht er sich hinauf durch den Zauberwald, und wir staunen, dass sterbende Nadeln so schön sein können. Eine Stunde bleibt Zeit, dann verabschiedet sich die Sonne. Wir beeilen uns, noch selten sind 500 Meter so schnell begangen worden, denn es ist ein Wettlauf mit der Sonne. In jeder Kurve werden die Schatten länger, und mit jeder Wegbiegung holen sie uns erneut ein. Die Konturen der Bäume treten immer stärker hervor, schwarze Stämme, flammend gelb geschmückt – Drama pur, ein letztes Feuerwerk aus allen Rohren.

Punkt 16 Uhr ist die Hannigalp mit ihren 2300 Höhenmetern erreicht, noch genug Zeit, sich ins Gras zu setzen und das Panorama zu geniessen. Wer jetzt nicht in Saas-Fee weilt, ist selber schuld, denn hier ist man Mitte Oktober mit den höchsten Schweizern ganz allein – Dom und Täschhorn, die beiden Viertausender, sind bereits weiss verschneit. Punkt 16.15 Uhr macht die Sonne den Abgang, die Stimmung wird ernst. Zeit für den Abstieg – wir freuen uns auf ein heisses Bad in unserer frei stehenden Badewanne im Hotel Dom.

Eisschollen, aber das Gelb wärmt die Seele

Während man in Saas-Fee das Glück nur mit Muskelkraft bekommt, wird es einem im nahen Zermatt geschenkt. Die Gornergratbahn fährt das ganze Jahr über, wenn auch im Herbst in ausgedünntem Rhythmus. An der Station Riffelalp auf 2200 Metern steigen wir aus, für eine Stunde geht es bequem nach Grünsee durch lichten Lärchenwald, knorrige Arven links und rechts setzen markante Akzente. Die perfekte Gegend für die Lärche, denn sie liebt Höhe, Licht und Sonne; Nebel und Regen mag sie nicht.

Schon bald ist der Weiler Findeln erreicht, und die Route biegt rechts ab in den eigentlichen Panoramaweg. Der Weg macht seinem Namen alle Ehre, schmal schlängelt er sich durch feuerndes Gelb, und immer wieder gibt er grossartige Blicke frei aufs Matterhorn. Hinter den Baumwipfeln tauchen Obergabelhorn und Zinalrothorn auf, Traumberge über einer gelben Fantasylandschaft. Das ist Schweizer Indian Summer vom Feinsten, dazu ganz ohne Flugstress. Nach drei Stunden ist man zurück in Zermatt – euphorisch und im Gegensatz zu Saas-Fee mit leichten Beinen. Die Bahn machts möglich, und man läuft auf diesem idyllischen Weg quasi auf goldenem Boden, die fallenden Nadeln haben ein durchgehendes weiches Polster gebildet.

Auch das Engadin bietet Logenplätze für dieses geniale Schauspiel mit dem Titel «Die sterbende Nadel». Nur noch wenige Tage, das Gelb kippt ins Rostrot, und der erste Schnee fällt. Im Oberengadin hat er schon eine Kostprobe gegeben. Als wir in Sils Maria eintreffen, sind Dorf und Wälder weiss bestäubt. Wie ein verlassenes Dornröschenschloss thront das legendäre Hotel Waldhaus auf dem Hügel inmitten des Lärchenwaldes, die Gäste sind längst gegangen; doch im familiär geführten Hotel Seraina ist man willkommen. Die Halbinsel Chastè, im Sommer ein Rummelplatz für Wanderer, liegt still da, wie ein bewaldeter Finger ragt das anmutige Stück Land in den Silsersee. Leicht hügelig und mit vielen Sitzbänken bestückt, ist es ein kleines Paradies.

Ringsum haben sich auf dem Wasser Eisschollen gebildet, alles glitzert und blinkt, es ist eiskalt auf der goldenen Insel. Die Lärchen haben in der Mittagssonne den Schnee abgeworfen, und ihr Gelb wärmt die Seele. Man kommt ins Schwärmen und denkt an Nietzsches Gedicht «Das trunkene Lied», das hier entstand. Der Dichter war um 1880 Dauergast in Sils – die kühle, reine Luft tat seiner Gesundheit gut und beflügelte seine Gedanken.

Hartgesottene Naturfans, die nach diesen drei Abstechern in die gelben Wälder noch nicht genug haben, laufen auf der Via Engiadina weiter ins Unterengadin. Immer den Sonnenhang entlang, über Zuoz nach Lavin und Scuol. Mit etwas Glück schaffen sie die Strecke noch vor dem ersten grossen Schnee.


www.saas-fee.ch www.zermatt.ch www.sils.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2017, 13:20 Uhr

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