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Das Glück ist eine Rockband

Im Vordergrund eine Wand aus überdimensionierten Waben, dahinter, bis auf einzelne Körperteile unsichtbar, die fleissigen Bienchen. Oder eben nicht. Die zwei Männer und zwei Frauen verabschieden sich in den folgenden siebzig Minuten von der Leistungsgesellschaft und formieren sich zur Band, sie lassen uns teilhaben an ihren Biografien, in ­denen manches anders gelaufen ist, als sie geplant haben.

«Stadtmusikanten» heisst das Projekt, in dem sich die junge Schweizer Theaterformation Papst & Co. auf un­gewöhnliche Weise Gedanken über die ­Bedeutung von Arbeit und Sicherheit macht. Papst & Co. sind vier junge Theaterfrauen: Regisseurin und Dramatikerin Anna Papst, Dramaturgin Myriam Zdini, Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer und Kostümdesignerin Mirjam Egli. «Stadtmusikanten», ihr zweites Projekt, feierte am Theater Spektakel seine Uraufführung. Ging es im vorherigen Stück «Der Teich oder Die Unheimlichkeit des Gewöhnlichen» um von Robert Walser erdachte Figuren, dreht sich das neue Projekt um vier reale Dreissigjährige, die in ihrem Leben an einem Wendepunkt angekommen sind. Ein gewagter Versuch, die Gegenwart zu sezieren und dabei Lebensgeschichten weiterzuschreiben, die bis anhin geprägt waren vom Kampf um Brotjob und Be­rufung.

Da ist der diplomierte Musiklehrer mit dem karierten Hemd, der die KV-Lehre geschmissen und eine Jazzschule besucht hat; da ist der Musiker, der fünfzehn Jahre lang sein Geld als Velokurier verdiente, bis ihn ein Jüngerer ersetzt hat. Da ist die zierliche Rhythmiklehrerin, die stets um berufliche Anerkennung kämpfen musste und nun gekündigt hat, um sich ihrer Passion für Perkussion widmen zu können; da ist die Schauspielerin mit den blauen Strähnen und den Selbstzweifeln, deren Karriereträume bald zwischen Gelegenheitsjobs und Hartz IV zerrieben werden.

So beschliessen die vier, Musik zu machen, wie einst die Tiere aus den «Bremer Stadtmusikanten». Klug verschränken Papst & Co. arrangierte Lebensberichte – ironisch gebrochen durch Schattentheater oder durch ins Komische überzeichnete Miniszenen – und Märchensequenzen zu einem intelligenten Gemisch aus Realität und Wunschtraum. Während im Laufe des Abends vorn die Waben abgebaut werden, lösen sich die Erzählungen langsam von den Einzelnen. Die Rhythmikerin übernimmt das Schlagzeug, die Schauspielerin das Mikrofon, die beiden Jungs die Gitarren.

«Etwas Zukunft für mich»

Wie Esel, Hund, Katze und Hahn im Märchen das Räuberhaus erobern, machen sich die vier Frauen und Männer die Bühne zu eigen, mit Gitarrenrock und Duetten. Die individuellen Empfindungen verschmelzen zu Liedtexten: «Ich was suchen, ich nicht wissen wie finden», schreit sich die Blauhaarige die Wut von der Seele, und: «Ab und zu etwas Zukunft für mich!» Am Ende stehen sie alle am Bühnenrand und werden zu Recht heftig beklatscht, und womöglich haben sie noch viel Zukunft vor sich, als Band und als Formation.

Isabel Hemmel

Noch heute Mittwoch, 19.30 Uhr.

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