Bigotte Kinderschützer

Der Staat hat bei uns das Gewaltmonopol, und er hat es durchzusetzen. Er darf damit nicht an der Tür eines Kinderzimmers aufhören.

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Er lauert den Kindern nach der Schule auf, mit Schokolade und Bonbons, um sie ins Auto zu locken. Oder aber er geht quasi amtlich einer Tätigkeit nach, die ihm das Ausleben seiner perversen Neigungen erleichtert: Junioren-Fussballtrainer zum Beispiel. So ungefähr stellt sich ein Grossteil der Bevölkerung den «typischen Pädophilen» vor, den es von Kindern unbedingt fernzuhalten (und natürlich streng zu bestrafen) gelte.

Und so sieht auch die typische Zielperson der Pädophilen-Initiative aus, über deren Umsetzung der Nationalrat nächsten Montag spricht. An vorderster Front wird sich die SVP für ein scharfes Gesetz und ein hartes Anpacken der Täter stark machen - und dabei mit dem «Schutz unser Kinder» als Argument nicht geizen.

In einer ganz anderen Rolle werden wir die Partei diesen Dienstag erleben, obschon es ebenfalls um Kindesschutz geht. Wer beruflich regelmässig mit Kindern zu tun hat, soll gemäss Vorschlag des Justizdepartements dazu verpflichtet werden, bei Verdacht auf Misshandlung tätig zu werden, sprich: den Behörden Meldung zu machen. FDP und SVP wehren sich gegen den Vorschlag, wie der TA berichtete: Die vorgeschlagenen Regeln förderten das Denunziantentum, und Interventionen der Behörden könnten Familien zerstören.

81 Prozent der Kindsmisshandlungen «im Familienrahmen»

In dieser Haltung liegt eine zweifache Tragik. Erstens einmal steht sie quer zu den Erkenntnissen, die sich aus der Statistik ergeben. Wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie ermittelt hat, wurden im letzten Jahr 81 Prozent der Kindsmisshandlungen «im Familienrahmen» begangen. Grenzt man die Fälle auf physische Gewalt im engeren Sinn ein, liegt die Quote immer noch bei 76 Prozent. Und selbst bei sexuellem Missbrauch sind die Täter deutlich öfter Familienangehörige (39 Prozent) als Fremde oder Unbekannte (20 Prozent).

Wer vorgibt, unsere Kinder schützen zu wollen, müsste der Familie eigentlich mehr Aufmerksamkeit widmen als dem «Lüstling vor dem Schulhof». Natürlich ist nicht auszuschliessen, dass eine Behörde mal überbordet, dass eine Bagatelle für Aufruhr sorgt. SVP und FDP haben es in der Hand, gewisse Barrieren einzubauen. Wischen sie aber die ganze Vorlage einfach nonchalant beiseite, sprechen sie den rund 1200 jährlichen Missbrauchsfällen in Schweizer Familien implizit die Akzeptanz aus.

Gewalt an den eigenen Kindern wird gerne schöngeredet

Sie dürften damit, und darin liegt Tragik Nummer zwei, bei vielen Leuten einen Nerv treffen. Das zeigt der Hass, der den Kindesschutzbehörden offen entgegenschlägt, wenn anscheinend mal wieder zu Unrecht irgendwo interveniert wurde. Dagegen die Familie: Als Hort beglückender Intimität zeigt sie sich uns auf Versicherungswerbeplakaten, als «tragende Säule der Gesellschaft», durch die Kinder «Liebe und Geborgenheit» erführen, wird sie in Parteiprogrammen (Zitate der SVP) bejubelt.

Dass sie für manche Kinder - und Erwachsene - nicht das Heile, sondern die Hölle verkörpert, hat ihrer Reputation nichts anhaben können. Und sowieso: «E Flättere hät na niemertem gschadet» - in diesem Stil wird Gewalt an den eigenen Kindern gerade in konservativen Kreisen gerne schöngeredet. Es ist Zeit, die Bigotterie in der Missbrauchsdebatte zu beenden. Der Staat hat bei uns das Gewaltmonopol, und er hat es durchzusetzen. Er darf damit nicht an der Tür eines Kinderzimmers aufhören. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2017, 19:56 Uhr

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