«Baseldeutsch ist eine Melodie, Berndeutsch eine Haltung»

Massimo Rocchi hatte keine Lust, den 60. Geburtstag zu feiern – nun tut er es mit einem neuen Bühnenprogramm.

Der Komiker Massimo Rocchi feiert seinen 60. Geburtstag mit einem Bühnenprogramm.

Der Komiker Massimo Rocchi feiert seinen 60. Geburtstag mit einem Bühnenprogramm. Bild: Samuel Schalch

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Herr Rocchi, in Ihrem neuen Programm «Best of 6zig» werfen Sie die Frage auf, ob Gott ein Schweizer ist. Können Sie uns Ihre Antwort jetzt schon verraten?
Klar. Gott ist ein Schweizer – und zwar ein Berner. Er ist nicht schnell. Er brauchte sechs Tage, um die Welt zu erschaffen. Als Zürcher hätte Gott die Welt in drei Tagen erschaffen, allerdings ohne Fussballstadion. Basler kann Gott nicht sein, weil er zuerst die Fasnacht erfunden hätte und dann Sankt Jakob den Auftrag erteilt hätte, ein Stadion zu bauen.

Mit der neuen Bühnenshow feiern Sie mit dem Publikum Ihren 60. Geburtstag. Sie sind im letzten März 60 geworden. Wie fühlt sich dieses Alter an?
Vor dem 60. Geburtstag landeten in meinem Briefkasten Unterlagen von Pro Senectute, Werbeprospekte für Lebensversicherungen und von Altersheimen. Das stimmte mich nachdenklich. Den 50. Geburtstag hatte ich noch gross gefeiert, es war ein fröhliches Fest. Den 60. Geburtstag zu feiern, dazu hatte ich keine Lust. Ich sagte zu mir: Ich habe keine Zeit, ich muss noch etwas tun. Zugleich wurde mir bewusst, dass ich das Glück habe, seit 44 Jahren den Traum meines Lebens zu leben. Ich darf Theater spielen.

Ist das «6zig»-Programm mehr als eine «Best of»-Massimo-Rocchi-Show?
Das ist mein Theaterabend mit den starken Emotionen meines Lebens. Es geht um Orte, Bilder und Menschen, die mir in Erinnerung geblieben sind, etwa der Strand in Italien, die Grosseltern, die Kirche, Wünsche, die Sprachen, die Pantomime. Vieles schwindet im Laufe des Lebens, zum Beispiel die Körperkraft, aber nicht die Emotionen. Vielleicht waren es meine vielen Emotionen, die mich zum Theater gebracht haben.

Wie viel hat das Theater mit dem Leben zu tun und umgekehrt?
Anfang der 1990er-Jahre habe ich in einem Theaterprojekt in einem Mailänder Jugendgefängnis mitgewirkt. Die minderjährigen Häftlinge sagten zu mir: «Du bist sympathisch. Aber am Ende des Nachmittags gehst du weg, und wir bleiben hier.» An diesem Ort brauchte es mich also gar nicht. Diese Erfahrung hat mich frustriert, aber gleichzeitig gelehrt, dass das Theater seine Grenzen hat. Theater ist Theater, und Leben ist Leben. Mit dem Ende eines Theaterstücks geht es zurück ins Leben. Damals habe ich auch begriffen, dass eine Vorstellung maximal zwei Stunden dauern darf.

Welche Rolle hat ein Komiker in der Gesellschaft? Geht es in erster Linie um Unterhaltung oder auch um gesellschaftliche Kritik und Aufklärung?
Ich will nicht, dass die Leute in meine Shows kommen, um etwas zu lernen. Ich möchte ein Pinocchio sein. Ich will mit meiner Dummheit spielen. Das Publikum soll über mich lachen. Das ist die Aufgabe des Komikers. Ob meine Darbietungen auf der Bühne auch mehr als Unterhaltung sind, liegt in der Wahrnehmung von Publikum und Medien. Eine ganz andere Funktion hat das Kabarett: Das ist die Demaskierung einer Lüge.

Können Sie den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy genauer erklären?
Das Kabarett wirft eine Frage auf und gibt dann eine Antwort darauf. Also: «warum» und «weil». Die Komödie funktioniert nach diesem Muster: «und wenn» und «also dann». Das Kabarett sucht Wahrheiten, die Komödie spielt mit möglichen Realitäten. Ich erinnere an Tonio im Prolog der Pagliacci-Oper von Ruggero Leoncavallo: «Unsere Masken sind falsch. Alles, was wir machen, ist nicht wahr. Wir wollen einfach zusammen sein und uns unterhalten.»

Eine gute Pointe 
ist wie der 
Alkohol im Kirschstängeli.

Sie spielen zum Beispiel den Homo erectus, der sich wegen des iPhones zurückentwickelt, oder – in Anlehnung an den US-Präsidenten – ein Trumpeltier. Wann ist eine Vorstellung unterhaltend? Und was ist eine gelungene Pointe?
Eine gute Pointe ist wie der Alkohol im Kirschstängeli. Aber nur Pointen, das ist nicht gut. Dann wäre man am Ende betrunken. Das wäre auch keine Theatervorstellung, sondern ein Witzeabend. Pointen waren in meinen Stücken nie wesentlich. Ich baue meine Programme nicht rund um Pointen auf. Ausserdem ist es selbst für mich schön zu erleben, wann das Publikum lacht. In meinem Stück «RocCHipedia» habe ich so angefangen: Ich sagte nur einen Satz: «Ich bin Schweizer» – und das Publikum lachte. Manchmal ist die Stille die Pointe. Es kommt immer auf den Zusammenhang an, ob das Publikum lacht. Eine gelungene Vorstellung ist, wenn das Publikum zufrieden oder sogar glücklich geht und dann Energie und Lust hat, noch etwas zu unternehmen.

Wie stark trifft Sie negative Kritik oder kleines Zuschauerinteresse?
Wer zu eitel ist, sollte besser nicht Schauspieler werden. Im Theater steht man als Schauspieler bei jeder Vorstellung vor einem Abgrund. Das Publikum kommt und geht. Und wenn es nicht erscheint, muss sich das Publikum nicht entschuldigen.

Was bringt Sie selber zum Lachen?
Tiere – und der Homo sapiens, den ich ständig bewundere. Wie können wir noch behaupten, dass wir Menschen die Krone der Schöpfung sind? Beobachten wir uns doch beim Telefonieren! Wir sprechen am Handy mit einer Körpersprache, um die Person am anderen Ende der Leitung, die uns nicht sieht, zu überzeugen. Bei einem Selfie lachen wir, danach gehen wir zurück zur Realität mit einem «Sure-Gring».

Wie lustig finden Sie Ihre Berufskolleginnen und -kollegen in der Schweiz? Und was halten Sie von der Humorszene Schweiz?
Wenn Marco Rima Witze macht, muss ich immer lachen. Ich selber kann keine Witze machen. Aber ich will keine Humor-Rankings machen, weil das auch keinen Sinn macht. Denn es gibt viele Arten von Humor und viele Arten zu lachen. «Dick und Doof» kann ich jeden Tag schauen, Buster Keaton nicht – aber alle sind gut. Die Schweiz hat eine breite und vielfältige Humorszene, die auch erfolgreich exportiert wird. Von Peach Weber über Hazel Brugger bis Lorenz Keiser: Das Publikum braucht uns alle. Einige Kollegen sind im Fernsehen besser als auf der Bühne. Eine grosse Entdeckung für mich ist Eugénie Rebetez, eine talentierte junge Frau aus dem Jura. Sie arbeitet mit der Sprache und ihrem Körper. Ihre Vorstellungen sind sehr künstlerisch, inklusive Ballett.

Auch Politiker sind manchmal komisch – allerdings eher unfreiwillig: Ich denke an Bundesrat Johann Schneider-Ammann und seine Ansprache zum Tag der Kranken im Jahr 2016. Wie viel Humor braucht die Politik?
Politik ist eine ernsthafte Sache. Schon Aristoteles hatte vor der Theaterkratie gewarnt. Politik darf nicht zu Unterhaltung verkommen. Würde Humor der Politik gut tun, hätte Italien nach knapp 20 Jahren mit Silvio Berlusconi an der Macht das reichste Land der Welt sein müssen. Berlusconi machte immer Witze, er hatte zweifellos grossen Unterhaltungswert. Aber ist das Politik? Die grössten Gefahren für die Welt gehen heute von Politikern aus, die ständig grinsen: Kim Jong-un und Donald Trump.

Wie halten Sie es mit der Politik?
Ich lese, was Politiker sagen und machen. Aber ich schaue sie nicht im Fernsehen an. Ich nehme meine staatsbürgerlichen Pflichten wahr: Ich beteilige mich an Wahlen und Abstimmungen. Ansonsten halte ich Distanz zur Politik. Weil ich als Unterhalter aktiv bin, halte ich mich mit politischen Äusserungen zurück. Ich habe Kontakte zu Politikern. Mit ihnen spreche ich allerdings nicht über Politik, sondern über Bücher und Fussball.

Seit Sie vor elf Jahren von Bern nach Basel gezogen sind, sind Sie Fan des FC Basel. Sie besitzen eine Saisonkarte. Fan der Young Boys waren sie aber nie – weil die Berner Fussballer nie Titel gewinnen?
Es ist wie in der Liebe: Entweder man verliebt sich, oder man verliebt sich nicht. Als ich in Bern lebte, besuchte ich gelegentlich Eishockeyspiele des SC Bern, obwohl ich schon damals Fussballfan war. Selbst als FCB-Fan muss ich aber zugeben, dass die Young Boys derzeit den schönsten Fussball in der Schweizer Super League spielen.

Die Schweizer Fussball-Nati ist eine polyglotte Truppe. Was sehen Sie als Sprachbeobachter, wenn Sie Spiele unserer Nationalmannschaft verfolgen?
Wenn ich die Lippenbewegungen von Trainer und Spielern während eines Matches anschaue, stelle ich viel Italienisches fest: Vokale, kurz und laut, keine Nebensätze. In der Kabine spricht Trainer Vladimir Petkovic vermutlich Hochdeutsch. Im Fussball braucht man allerdings gar keinen Übersetzer. Man kann mit Zeichnungen auf einer Tafel und vor allem mit der Körpersprache miteinander kommunizieren.

Obwohl Sie schon seit einiger Zeit in Basel leben, haben Sie den Basler Dialekt überhaupt nicht angenommen. Sie sprechen immer noch Berndeutsch.
Baseldeutsch beeindruckt mich nicht so. Baseldeutsch ist sehr süss, wie Läckerli oder ein Dessert. Dagegen ist Berndeutsch wie eine Zwiebel. Da muss man richtig reinbeissen. Berndeutsch ist gebunden an die Landwirtschaft, die Berge und die Natur, die auch hart sein kann. Baseldeutsch ist eine Melodie, Berndeutsch ist eine Haltung.

Können Sie das erläutern?
«Me cha nid ds Füfi und ds Weggli ha»: Solche Redewendungen kenne ich nicht aus Basel. In Bern grüsst man sich ständig, «grüessech», in Basel nicht. In Basel macht man nicht so ab wie in Bern, die Basler pflegen einen spontaneren Ausgang. Die Berner sind zurückhaltend. Wenn sie dich aber in die Arme nehmen, lassen sie dich nicht mehr los. Der Basler ist während der Fasnacht am wärmsten. In Basel baut man auf, wie die Architektur zeigt, in Bern baut man um. Aber ich erlebe die Schweiz als einzige Stadt.

Das heisst?
Als Berner, der in Basel lebt, habe ich die Möglichkeit, mich sogar in drei Ländern zu bewegen. Ich bin aber sehr oft in Zürich und in Bern, wo meine beiden Töchter leben. Freunde und Freundinnen habe ich von St. Gallen bis Onex. Ich bin ständig privat und beruflich unterwegs.

Schweizer sind wie Schachspieler, die immer Schwarz haben.

Seit 2010 sind Sie selber Schweizer Staatsbürger. Wie erklären Sie einem Ausländer die Schweiz?
Der Schweizer ist wie ein Schachspieler, der immer Schwarz hat. Der Schweizer eröffnet das Spiel nicht. Er schaut zuerst, was der andere Spieler macht. Wir Schweizer sind zudem hart mit uns selber. Dabei sollten wir auch Fehler akzeptieren, weil diese uns weiterbringen können. Am Zürcher Hauptbahnhof habe ich einmal einen Lokführer beobachtet. Am Ende seines Dienstes machte er mit einem Lumpen seinen Arbeitsplatz für den nächsten Lokführer sauber. Diese kleine Geste, auch das ist die Schweiz: Der Schweizer weiss, was ihm nicht gehört. Typisch für die Schweiz ist ausserdem das «Gspüri»: Die Schweizer spüren einander, fast schon mit einem tierischen Instinkt.

Sie sind in Cesena in der Emilia Romagna geboren und aufgewachsen. Was ist typisch italienisch?
Italien ist ein Land, das sich gläubig gibt, aber abergläubisch ist. Das Italien, das ich kenne, existiert allerdings nicht mehr. Ich lebe seit 40 Jahren nicht mehr dort. Und inzwischen sind Deutsch und Französisch meine unersetzbaren Arbeitssprachen geworden. In der Schweiz habe ich das ideale Labor zur Umsetzung meines Traumberufs gefunden. Die Schweiz war auch meine Startrampe zu den europäischen Bühnen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht in die Schweiz gekommen wären?
Ich kam in die Schweiz, weil es so sein musste. Das war allerdings nicht nur Schicksal. Es ging vor allem darum, die Chancen zu ergreifen, die das Leben mir damals angeboten hatte. Vermutlich bin ich schon vor meiner Geburt Schweizer gewesen.

Wie ist der Privatmensch Massimo Rocchi?
Total anders als auf der Bühne. Einmal fragte mich ein Unbekannter nach einem längeren Gespräch, was ich von Beruf sei. Ich antwortete, ich sei Komiker. Er meinte, darauf wäre er nie gekommen. Das war für mich ein grosses Kompliment.

Mit 60 sind Sie noch fit für Ihren Beruf, den Sie auch mit grossem Körpereinsatz ausüben. Trotzdem: Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne stehen?
Das haben meine Eltern vor 44 Jahren nach meiner ersten Show auch gefragt. Im Sinne von: Wann willst du einen seriösen Job machen? Aber Spass beiseite: Seit ein paar Jahren bin ich auch als Regisseur tätig, und das bereitet mir grosses Vergnügen. Als Regisseur stehe ich erst am Anfang. Es ist mir klar, dass auch Komiker ein Ablaufdatum haben. Ich habe Vertrauen in meine selbstkritische Haltung, sodass ich fürs Aufhören den richtigen Zeitpunkt erwische. «Aber nume nid gschprängt.» (Der Bund)

Erstellt: 28.10.2017, 07:51 Uhr

Massimo Rocchi

Massimo Rocchi, 60, ist einer der erfolgreichsten Komiker der Schweiz. Zu seinen bekanntesten Stücken gehören «äuä» und «RocCHipedia». Der Sprachakrobat und Pantomime spielt gerne mit den Eigenheiten der Schweiz. Der Italo-Berner ist verheiratet, Vater zweier Töchter und lebt in Basel. Mit seinem neuen Programm «Best of 6zig» gastiert er am 16./17. und 31. Dezember in Das Zelt in Bern. Nächstes Jahr im Oktober tritt er im KK Thun auf. (vin)

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