Wie machen wir die Gäste hässig?

Am Wochenende findet in Bern ein experimenteller Anlass statt, der den Besuchern einiges abverlangt. Auch wegen des Geschirrs der Berner Keramiker Margareta Daepp und Laurin Schaub.

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Die Gastronomie hat normalerweise vor allem ein Ziel: Der Gast soll am Ende des Abends nicht nur satt, sondern auch glücklich und zufrieden nach Hause gehen. Anders die Pläne von Jouw Wijnsma and Martin Kullik, den Gründern von Steinbeisser. Ihre Gäste sollen – wie es der Name schon verrät – im übertragenen Sinn auf Stein beissen, sich mit dem Gebotenen abmühen. Es dürfe sogar so weit gehen, dass die Gäste hässig würden, meinte Kullik gegenüber dem Magazin «The New Yorker». Seit 2012 führt Steinbeisser experimentelle Gastronomie-Anlässe durch. Nach Amsterdam, New York, Zürich und Basel kommt Steinbeisser in Kooperation mit dem Kursaal Bern am Wochenende erstmals in die Bundesstadt.

Die Stars der Steinbeisser-Veranstaltungen sind nicht nur die Spitzenköche – im Fall von Bern: Simon Apothé­loz von der Eisblume und Fabian Raffeiner vom Meridiano –, sondern auch die Künstler, die Geschirr und Besteck herstellen. Wobei Geschirr und Besteck hier eigentlich in Anführungszeichen zu setzen wären. Das Konzept sieht nämlich vor, dass nicht einfach mit Gabel und Messer von Tellern und aus Schüsseln gegessen wird. Im Gegenteil, wie Margareta Daepp sagt. Die Objekte der Berner Keramikerin bilden am Wochenende die Bühne für einen der Gänge.

Der Wunsch der Organisatoren sei es, sagt Daepp, dass das Geschirr nicht an klassische Teller oder Schalen erinnere. Stattdessen soll es die Gäste überraschen und trotz allem funktional sein. Wie aber entwirft man Geschirr, das eigentlich kein Geschirr sein darf?

Requisiten eines Schauspiels

Ausgangspunkt für Daepps Kreation waren Objekte, die sie vor 20 Jahren entworfen hat. Um Ostern herum habe Martin Kullik sie kontaktiert. Er habe die alten Arbeiten auf der Website gesehen und Gefallen daran gefunden. «Vor 20 Jahren habe ich oft gehört: Du machst coole Objekte, aber wirklich nutzen kann man die ja nicht. Ich fühlte mich damals nicht richtig verstanden.» Und dann melde sich Kullik und wolle genau diese Objekte zu nutzbaren Gegenständen machen. In der Regel mache sie zwar keine Auftragsarbeiten, aber da habe es bei ihr einfach Klick gemacht, sagt Daepp.

Für Laurin Schaub, den zweiten Keramiker aus Bern, der Geschirr für den Anlass herstellt, liegt der Reiz des Auftrags darin, Geschirr zu machen, das auf den ersten Blick nicht zu gebrauchen ist. Er mache diese Art von Objekten schon lange, aber zum ersten Mal wolle nun jemand darauf Essen anrichten. «Mir gefällt bei Steinbeisser, dass die Gäste nicht zuerst ins Restaurant und dann ins Theater gehen, sondern dass das Essen zum Theater wird», sagt Schaub. «Und meine Objekte sind die Requisiten für dieses Schauspiel.»

Was gehört eigentlich wem?

Daepps Ergebnis liegt bei ihr im Atelier in Reichenbach auf einem rustikalen, weiss getünchten Holztisch und sieht aus wie ein etwas deformiertes Kissen aus Glanzleder. Die Kissenform hat sie bewusst gewählt, weil ein Kissen etwas ganz Intimes ist. «Wenn du mit lauter fremden Menschen am Tisch sitzt und auf ein Objekt triffst, das normalerweise in deinem Bett liegt, kann das irritieren», so Daepp. Provozieren wolle sie mit ihrer Arbeit nicht, sagt die Keramikerin, das könnten andere besser, aber überraschen und irritieren schon.

«Die Objekte sollen so gestaltet sein, dass sie die Leute zusammenbringen.»Martin Kullik, Inititator von Steinbeisser

Wo und wie Meridiano-Koch Raffeiner das Essen darauf drapieren wird, weiss Daepp noch nicht. «Er könnte zum Beispiel in allen fünf Kuhlen etwas anrichten. Weil sich vier Leute das Essen teilen, wäre dann nicht klar, wem der fünfte Teil gehört. Und die Gäste müssten miteinander darüber sprechen.» Daepp hat zudem bewusst eine farbige Glasur gewählt, die aussieht, als würde sie verlaufen. So verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Kuhlen. Was wiederum die Frage aufwerfen könnte: Was gehört eigentlich wem?

Genau darum geht es Kullik mit seinen Anlässen. Essen müsse Menschen zusammenbringen, meint der Organisator. Teilweise ist das Besteck deshalb so angefertigt, dass man damit nicht sich selber, sondern nur sein Gegenüber füttern kann. Oder der Löffel des Tischnachbarn ist mit dem eigenen verbunden, so dass das Essen einiges an Koordination verlangt. «Die Objekte so zu gestalten, dass sie die Leute zusammenbringen, das sollte doch das Ziel eines Künstlers sein», meinte Kullik zum «New Yorker».

Vom Rokoko inspiriert

Auch Schaub hofft, dass die Gäste über seine Kreation ins Gespräch kommen. Er hat deshalb ein besonders auffälliges Objekt entworfen: Inspiriert durch die Tafelaufsätze aus der Rokokozeit, hat Schaub acht weisse Landschaften aus Porzellan hergestellt, die – Inseln gleich – in die Mitte der Tische kommen. «Das Geschirr gibt hier seine Rolle als reiner Träger für die Speisen auf und drängt in den Vordergrund», erklärt Schaub.

Seine Objekte sollen auch für die Köche eine Herausforderung sein, sagt der Keramiker. «Normalerweise sind ihre Kreationen die Stars eines kulinarischen Abends. Nun konkurrieren Geschirr und Essen auf einmal um die Aufmerksamkeit der Gäste», sagt Schaub. Er sei gespannt, wie die Köche damit umgingen.

Für Schaub und Daepp geht es bei ihren Arbeiten auch darum, das Bild des Keramikers und seines Schaffens zu hinterfragen. Weil Keramik landläufig mit Tellern, Schalen, Tassen und sonstigen Alltagsgegenständen in Verbindung gebracht wird, taucht in der Regel rasch die Frage auf: Wozu ist das zu gebrauchen? Dabei sei Keramik einfach ein Material, aus dem Verschiedenes entstehen könne, sagt Daepp: Kunst, Accessoires oder eben auch einfach ein Teller. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2018, 06:32 Uhr

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