Kunst zum Reinfallen

Der Besucher ist dann wieder aufgetaucht, und zwar in einem Spital.

Ein Besucher hielt den «Abstieg in die Vorhölle» für aufgemalt.

Ein Besucher hielt den «Abstieg in die Vorhölle» für aufgemalt. Bild: RT Deutsch/AFP

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Klar, nachher wissen es immer alle am besten. Er hätte doch auch vorsichtig mit der Hand hineingreifen können, heisst es. Oder eine Münze hineinwerfen. Dann wäre das nicht passiert. Dann hätte es aber auch diese Story niemals gegeben. «Italiener fällt in Kunstwerk» («Blick»), «Geht ein Mann ins Museum und verschwindet» («Süddeutsche Zeitung»), «Sprung ins schwarze Loch» (Deutschlandfunk), «Verlocht» («Guardian»).

Was sich der namenlos gebliebene Besucher des Museums Serralves in Porto gedacht hat, als er den Schritt über den Rand hinaus in die Finsternis tat, weiss man bis heute nicht. Es gibt aber auch keinen Grund, an der Darstellung der Museumsverantwortlichen zu zweifeln, wonach sie alles vorkehrten, um ein Unglück zu verhindern. Wer das Werk sehen wollte, musste eine Auf-eigene-Gefahr-Erklärung unterschreiben. Eine Absperrung gab es zwar nicht. Dafür eine Aufsicht, ein Besucherlimit beim Einlass und Schilder, die zum Abstandhalten mahnten.

Mindestens so unklar ist aber auch, was sich der Künstler gedacht hat. «Abstieg in die Vorhölle» nennt Anish Kapoor sein Werk, und der Beschrieb auf seiner Website ist nicht gerade widerspruchsfrei: «Würfelförmiger Bau mit einem dunklen Loch im Boden. Dies ist ein Raum voller Dunkelheit und kein Loch.» Also jetzt Loch? Oder kein Loch? Und wieso kam nicht schon früher einer auf die Idee, der Sache auf den Grund zu gehen? Der Italiener ist dann ja wieder aufgetaucht, und zwar in einem Spital; leicht verletzt nach seinem Sturz, aber binnen weniger Tage auf dem Heimweg. Anish Kapoor regte sich unterdessen auf, und das auf seine routiniert schwammige Art. «Was soll ich sagen?», so gab er dem «Guardian» die Frage zurück: «Es ist eine Schande.»

Immerhin weiss die Welt jetzt, dass der Mann kein Portal in ein anderes Universum gebaut hat, sondern bloss einen 2,5 Meter tiefen, kreisrunden Schacht. Der Trick: ein Nanotech-Material mit Namen Vantablack, erfunden von einer englischen Firma. Damit liess Kapoor die Schachtwände beschichten, und weil der Stoff so viel Licht absorbiert wie sonst nichts auf der Welt, nämlich 99,96 Prozent davon, nennt man es das schwärzeste Schwarz, das es gibt. Darum sieht Kapoors Loch oder Nicht-Loch unendlich tief und zugleich komplett flach aus: Ein Ding, das kein Licht zurückwirft, erscheint zwei- statt dreidimensional.

Klingt nach Physikshow. Und viel mehr ist es auch nicht. Einen der reichsten Künstler, der die reichsten Sammler mit den weltgrössten Skulpturen versorge: So hat die FAZ Kapoor einmal genannt. Etwas Kapital muss man ja auch mitbringen, wenn man sich das exklusive künstlerische Nutzungsrecht für Vantablack sichert, so wie Kapoor 2016. Während damals manche Kollegen gegen die «Monopolisierung einer Farbe» protestierten, obwohl das Superschwarz eigentlich weder eine Farbe hat noch eine ist, kann sich die Firma freuen, dass dieser Künstler Kunst macht, die eigentlich keine ist. Sondern viel eher eine Schaufensterdemonstration in einem Geschäft, für das sich sonst nur Kundschaft aus Militär und Raumfahrt interessiert. Der Stoff ist nämlich astronomisch teuer.

Wäre Kapoors Werk welche, also Kunst, dann würde sie mit der Illusion einer Realität spielen, statt sie nur zu produzieren. Genau darum malten die Künstler früher eine störende Fliege mitten auf ihre täuschend echten Bilder: Sie machte das Künstliche wie auch das Kunstvolle klar. Das schwarze Loch dagegen ist nur ein weisser Hase, und das hat der namenlose Besucher bewiesen: Kunst ist es wohl dann, wenn man nicht auf sie hereinfallen kann. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2018, 08:38 Uhr

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