Dieses linke Flennen

Analyse

Viele Schweizer sind frustriert über das Abstimmungsergebnis zur Zuwanderungsinitiative. Dieses Gejammer in den sozialen Medien ist fast nicht zu ertragen.

Jean-Martin Büttner@Jemab

Die SVP ist eine Verhinderer- und Einbrockpartei, eine Ansammlung von Rechthabern und Opportunisten, die jahrzehntelang mitgeholfen haben, das Land zu verschandeln, und jetzt die Ausländer dafür verantwortlich machen. Eine Partei, die am liebsten Leute anstellt, die schnell geholt werden, wenig kosten und bald gehen.

Trotzdem wird man jener nicht froh, die dasselbe meinen. Mag nicht einstimmen in den gemischten Trauerchor, der seit Sonntag in den sozialen Medien um Fassung ringt. Der multimedial wehklagt und weit vernetzt bedauert. Enttäuschung und Wut nach der Niederlage: Beides ist verständlich. Aber dieses linke Flennen, das jetzt aus allen Kanälen tropft, ist fast nicht zu ertragen.

Die einen entschuldigen sich schon am Wahlsonntag auf Englisch für die rassistische Hälfte ihres Landes. Andere halluzinieren die Schweiz zu einem mitteleuropäischen Nordkorea und ziehen Vergleiche mit dem Deutschland der Dreissigerjahre. Wieder andere rezitieren aus der Havel-Rede von Friedrich Dürrenmatt, seiner Metapher von der Schweiz als Gefängnis, die sich selber bewacht. Es gibt nichts Besseres in Stunden tiefer Not, als einem Grossen nachzunicken.

Was ist passiert?

Manche sagen es schlicht wie bei einer Abdankung: «Ich schäme mich, Schweizer zu sein.» Sie schämen sich, ohne dass ihre Scham etwas kostet oder etwas anderes bewirkt als das wohlig verdunstende Befühlen der eigenen Sensibilität. Einzelne sind von sich selber so ergriffen, dass der Blankvers aus ihnen quillt. Sie schreiben Sätze untereinander, sie rufen zum Widerstand auf, zum Durchhalten, zum Kampf gegen die Dummheit, die das Land bestimmt.

Etwas Weihevolles schwebt über den Gequälten, deren Offenheit am Sonntag zubetoniert wurde. Die sich in ihrem eigenen Land so fremd fühlen, dass sie es nicht mehr lieben können. Die am liebsten auswandern möchten, es aber dabei belassen, das Auswandern anzukünden. Die sich aneinander wenden, um sich ihrer leidenden Toleranz zu versichern.

Was ist passiert? Die Mehrheit hat knapp anders entschieden. Von ihren Vertretern jetzt zu behaupten, sie seien rassistisch, heisst nichts anderes, als so zu denken, wie man es dem Gegner vorwirft. Pauschal. Denunziatorisch. Verächtlich.

Tages-Anzeiger

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