Bürokratie lässt Flüchtlinge warten

Damit die 150 Asylbewerber nun in die alte Feuerwehrkaserne Viktoria einziehen können, waren Vorbereitungen über Monate nötig. Ein schlechtes Omen für das Zieglerspital?

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Obschon Hunderttausende Flüchtlinge in Europa verzweifelt ein Dach über dem Kopf suchen, steht die alte Feuerwehrkaserne im Berner Breitenrainquartier seit zehn Monaten leer. Nächste Woche ziehen nun die ersten von 150 Asylsuchenden ein. «Wir brauchten eine Engelsgeduld, weil sich die vielen Vorschriften zu einem zähen, bremsenden Gemisch anhäuft hatten», sagte gestern Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) an einer Medienorientierung. Dies sei umso erstaunlicher gewesen, als in der Feuerwehrkaserne voll funk­tionstüchtige Duschen, Küchen und Schlafsäle bereit standen. Feuerwehrleute lebten seit jeher während 24 Stunden in den Gemäuern aus den 1930er-Jahren.

Zur Veranschaulichung der bürokratischen Mühlen nannte Schmidt den Umgang mit den Einsprechern: Es habe allein sieben Wochen gedauert, bis das Protokoll der (erfolglosen) Einigungsverhandlung vorgelegen sei. Dies, weil die Einsprechenden sämtliche Fristen ausgenützt hätten. Die Umbauarbeiten selbst dauerten nur wenige Wochen: Insgesamt musste die Stadt eine halbe Million Franken in den Umbau der Feuerwehrkaserne stecken. Grösster Brocken war die neue Brandmeldeanlage.

Multikulti im Breitenrain

Ein Wörtchen mitzureden hatte auch der Denkmalschutz: Auf dessen Geheiss mussten die «historischen» Seifenschalen bei den Lavabos abmontiert werden. Ebenso galt es, altehrwürdige «Schäftli» zuzusperren. «Diese Bürokratie ist kein gutes Omen für ein Asylzentrum im Zieglerspital», sagte Schmidt weiter.

Nun machen ab nächster Woche Menschen aus aller Welt den Breitenrain zum Multikulti-Quartier: «Wir erwarten Leute aus Eritrea, Somalia, Syrien, Afghanistan, Iran, Pakistan et cetera. Zusammen werden sie, unter ihnen auch Familien mit Kindern, eine grosse Lebensgemeinschaft bilden», sagte Martin Trachsel von der Heils­armee. Der neue Leiter des Durchgangszentrums Viktoria führte die Medienschaffenden durch die Kaserne. In den unterschiedlich grossen Zimmern schlafen fortan jeweils vier bis zwölf Menschen. Den Bewohnern steht weiter ein kleiner Fitnessraum sowie ein TV-Zimmer zur Verfügung. Sie erhalten pro Tag 9.50 Franken, um sich mit dem Nötigsten (inklusive Essen) zu versorgen. Mit Unterstützung der Quartierbewohner sollen Beschäftigungsprogramme angeboten werden. So sucht die Heilsarmee freiwillige Helfer – etwa für Malateliers, Nähkurse oder Deutschunterricht. Ob künftig etwa Asylbewerber hinter der Bar des «Löscher», der Bar der ­alten Feuerwehrkaserne, stehen, ist noch ­offen. «Wir wollen die Flüchtlinge so gut wie möglich in das Projekt wie auch in das Quartier integrieren», sagte Manfred Leibundgut, Präsident der Quartier­kommission Dialog ­Nordquartier.

Zu Weihnachten ins Zieglerspital

Für Gemeinderätin Franziska Teuscher ist die Kaserne Viktoria ein «Massstab» für Asylunterkünfte: «In der alten Feuer­wehrkaserne werden die Asyl­suchenden an einem Ort des Lebens und des Austauschs untergebracht sein. Mitten unter uns, und nicht unter dem Boden», so Teuscher. Die Kaserne Viktoria ist die erste oberirdische Flüchtlingsunterkunft der Stadt Bern. Das unter­irdische Durchgangszentrum Hochfeld in der Länggasse bleibt aber weiterhin in Betrieb – entgegen früherer Beteuerungen Teuschers. «Angesichts des unerträglichen Flüchtlingselends innerhalb Europas brauchen wir jedes Bett.» Auch Bern sei gefordert.

Die Stadt will deshalb das Ziegler­spital so rasch wie möglich in ein temporäres Asylzentrum für bis zu 350 Bewohner umwandeln. «Ich hoffe, dass die ersten Flüchtlinge dort noch vor Weihnachten ein Dach über dem Kopf finden», sagt Teuscher. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2015, 15:22 Uhr

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