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Premiere zur KinoeröffnungNeuer Glanz für die Kathedrale

Gedreht vor dem grossen Feuer und doch brandaktuell: «Notre dame» von Valérie Donzelli.

Sie baut nicht nur mit Lego: Valérie Donzelli als Architektin Maud Crayon in «Notre dame».
Sie baut nicht nur mit Lego: Valérie Donzelli als Architektin Maud Crayon in «Notre dame».
Foto: PD

Als am 15. April 2019 die Kirche brannte, war «Notre dame» bereits abgedreht. Und als Valérie Donzelli ihre Komödie im letzten August in Locarno präsentierte, liessen sich 4600 eng zusammensitzende Zuschauerinnen und Zuschauer davon verführen. Doch die Regisseurin und Hauptdarstellerin ist überzeugt: «Das Kino ist ein zeitloses Medium.»

Ob das stimmt, wird sich in diesen Tagen zeigen, wenn die Säle wieder aufgehen. «Notre dame» ist irgendwie so aus der Zeit gefallen, dass der Film schon wieder aktuell ist. Im Zentrum steht eine von Valérie Donzelli selber gespielte Architektin, die in einem Büro arg untendurch muss. Durch einen wilden Zufall gewinnt sie aber einen Wettbewerb zur Verschönerung des Vorplatzes der Pariser Kathedrale. Niemand hätte auf sie gewettet.

Eiffelturm als Phallussymbol

Damit hat die Architektin mit dem sprechenden Namen Maud Crayon aber nicht nur ein Projekt von 121 Millionen Euro in den Händen. Zahlreiche Einflüsterer wollen jetzt natürlich spontan mitverdienen. Meetings und der Druck der Öffentlichkeit zerren an den Nerven. Und weil aus dem Modell des Kirchenvorplatzes eine erotische Komponente herausgelesen werden kann, die beim Verfeinern noch stärker betont wird, schreien Moralisten bald: Skandal!

«Als der Eiffelturm gebaut wurde, gab es auch Unterschriftensammlungen gegen diese Erektion im Herzen von Paris», erzählt Valérie Donzelli. Sie baut weitere historische Architekturskandale in den Film ein. Aber auch die alltäglichen Probleme einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern. Der Kindsvater ist zwar manchmal ebenfalls präsent. Doch dieser braucht Betreuung wie ein drittes Kind. «Meine Filme sind biografisch. Aber die Geschichte, die ich erzähle, ist nicht die von mir», sagt die Regisseurin.

Valérie Donzelli wollte tatsächlich einmal Architektin werden, brach das Studium aber mit 23 Jahren ab, um sich der Schauspielerei zu widmen. Bekannt als Regisseurin wurde sie 2011 mit «La guerre est déclarée», einem autobiografisch geprägten Film über ein krebskrankes Kind. Dieser war nicht etwa traurig, sondern voller Kraft und Witz. Es folgten verzwicktere Filme, manchmal zu artifizielle. Sie sagt: «Mit Notre dame wollte ich wieder eine einfache Geschichte erzählen, direkt aus dem Leben, mit mir selber in der Hauptrolle.»

Das stimmt und stimmt nicht. Valérie Donzelli spielt diese Maud Crayon mit allen Widersprüchen, die der Alltag offeriert. Aber es gibt noch eine zweite Hauptrolle: Die spielt die majestätische Kathedrale Notre-Dame selber, die aus allen Winkeln gefilmt wird. Das ist nach dem Brand schon ein historisches Dokument.

Und es gibt eine zweite Ebene, die jetzt ebenfalls eine ganz andere Bedeutung bekommt. Die Welt in «Notre dame» ist irgendwie aus den Fugen geraten. Es gibt unerklärliche Vorkommnisse, die das Leben auf den Kopf zu stellen drohen. Nein, keine Pandemie. Aber doch brandaktuell.