Nahe dem All

Schwarzenburg liegt in einem Randgebiet. Der Sekundarlehrer Erich Laager fand dort, was er zunächst gar nicht gesucht hatte.

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Plötzlich ist der Vergleich unvermeidlich. Erich Laager und Carl Friedrich Gauss. Hier ein pensionierter Sekundarlehrer aus Schwarzenburg, dort der berühmte Wissenschaftler aus Deutschland. Beiden gemeinsam ist ihr Interesse an Mathematik und Astronomie. Vor allem aber: Gauss leitete eine Sternwarte – genauso wie es Laager bis heute tut.

Gauss (1777–1855) ist durch Daniel Kehlmanns Roman «Die Vermessung der Welt» einem breiteren Publikum bekannt geworden. Der geniale Mathematiker befasste sich mit den grossen Fragen, obschon er kaum je seinen Wohnort verliess. Ganz anders sein Zeitgenosse Alexander von Humboldt: Dieser unternahm kühne Expeditionen, um die Welt zu erfahren. Gemäss Kehlmann war Gauss nicht der Netteste. Er war weltfremd und reaktionär. Was um ihn herum passierte, interessierte ihn kaum. Es heisst, er habe sogar die Geburt des ersten Sohnes verpasst, weil er so sehr in seine Arbeit vertieft war.

«Komm vom Mond herunter»

Laager schmunzelt ob diesem Vergleich. Er sitzt in seinem geräumigen Haus an einem Tisch und rückt die Guetsli zum Besucher hinüber. «Komm vom Mond wieder herunter»: Das habe ihm seine Frau Annamarie immer wieder sagen müssen, erzählt der 81-Jährige. Wenn er sich intensiv mit einer Frage befasse, nehme er das Alltägliche tatsächlich weniger wahr. Einmal habe er seine Frau, die vor der Familiengründung als Krankenschwester arbeitete, auf eine blühende Rose im Garten aufmerksam gemacht. Die blühe schon seit fünf Tagen, habe sie entgegnet.

Mehr Beispiele für die angebliche Weltabgewandtheit von Sternguckern führt Laager nicht an. Eher Gegenbeispiele. Ortsgebunden sei er zwar durchaus, sagt er: 1962 war er von Neuenegg, wo er aufgewachsen war, nach Schwarzenburg an die Sekundarschule gekommen. Der Schule und dem Ort blieb er treu. Aber weltfremd? «Nein, Sozialpolitik, Dritte Welt, fairer Handel: Das ist in unserer Familie sehr wichtig.» Seine Frau und er engagierten sich im Weltladen. Und sie waren bei der Gründung der Amnesty-Gruppe Schwarzenburg dabei. «Die treibende Kraft bei diesen Engagements war sicher sie», sagt er, «aber ich habe gespürt, dass ich helfen will – und zwar ohne dass ich muss.» Einen weiteren Unterschied streicht Laager heraus. «Wir waren einige Male auf grösseren Reisen.» 1981 fuhr die vierköpfige Familie in einem Camper während 100 Tagen durch die Vereinigten Staaten und Kanada. «Da haben wir doch einiges gesehen – so auch die grössten Sternwarten der USA.»

Dunkelheit als Standortfaktor

Für Laager hat sich Schwarzenburg als Glücksfall erwiesen. Denn das Gebiet ist – nomen est omen – für seine dunklen Nächte bekannt. Es liegt am nördlichen Rand der Alpen, und in den Alpen ist die Dunkelheit in der Schweiz am tiefsten. Wenn die Sterngucker dort ihre Fernrohre zum Südhimmel richten, haben sie kaum störendes Licht im Blickfeld.

Er sei nicht wegen dieser Dunkelheit hierhergekommen, sagt Laager, der sich schon als Bub für Astronomie interessierte. Aber unter anderem deswegen seien sie hiergeblieben. Einmal stand der Umzug nach Spiez zur Diskussion. «Es kam nicht infrage – da wäre mir der Niesen im Weg gestanden», sagt er.

Daheim essen – «ein Privileg»

Seit 26 Jahren leitet Laager die Schulsternwarte, die er aufgebaut hat. Das Teleskop wird durch ein Miniaturhäuschen geschützt, das auf Schienen steht und weggeschoben werden kann. Die Sternwarte steht am südlichen Siedlungsrand, hier stört das Licht des Dorfes am wenigsten. Das Haus wiederum, in dem Laager mit seiner Frau und der Familie eines seiner beiden Kinder lebt, steht auf der Nordseite des Dorfes. Höhe nennt sich das Gebiet. Von dort geht der Blick bis zum Jura und zu den Alpen. Oft stelle er frühmorgens den Fotoapparat aufs Stativ und fotografiere die Sonne, wie sie in den Himmel steige, sagt er. Die Bilder setzt er später am Computer zusammen. Und schliesslich das Schulhaus, in dem er bis zu seiner Frühpensionierung 1997 arbeitete. Laager konnte zum Mittagessen nach Hause spazieren. «Das war ein grosses Privileg.» Sternwarte, Schulhaus: alles in Fussdistanz.

Im Übrigen sei er nie der angefressene Sternenbeobachter gewesen, wie man vielleicht meinen könnte. Nächtelang Objekte beobachten und sie fotografieren: «Das war nie mein Ding.» Ihn habe das Handfeste interessiert, der Lauf von Sonne und Mond, die Planeten, der Jahreslauf der Sternbilder. Und immer wieder eigene Berechnungen zur Astronomie. Wenn etwa eine Sonnenfinsternis genau zum berechneten Zeitpunkt begonnen habe, dann habe er doch immer wieder darüber gestaunt, sagt er lächelnd, «wie genau die Gestirne meinen Berechnungen folgen».

Beobachten, staunen, begreifen. Es sind solche Wörter, die Laager im Gespräch oft verwendet. Und daran merkt man, was ihm am wichtigsten ist: Nicht nur das eigene Staunen und Begreifen. Ihm liegt viel daran, andere dorthin zu führen, «wo sie durch eigenes Hinschauen grössere Zusammenhänge erfassen können», wie er es ausdrückt.

Laager hatte früh festgestellt, dass es für die Astronomie kaum Lehrmittel gibt. So begann er, solche herzustellen und die damalige Schulwarte damit zu bedienen. So konnten auch andere Lehrkräfte davon profitieren. Viele Kollegen hätten damals das Thema Astronomie einfach ausgeblendet, weil es hienieden wichtigere Themen gebe, sagt er. Laager sieht das anders, auch wenn er einräumt, dass die Zusammensetzung der Jupiteratmosphäre für den einzelnen Menschen absolut keine Rolle spiele. «Aber es gehört doch zur Allgemeinbildung», sagt er, «etwas über die Erde, das Sonnensystem und das Universum zu wissen.» Es gehe nicht darum, Wissen zu speichern, «es geht vor allem um Horizonterweiterung».

«Ich bin nicht der Pilger»

Wie erdverbunden und wie ähnlich der pensionierte Lehrer damit dem Forschungsreisenden Humboldt ist, zeigt sich im Laufe des Gesprächs. Er sei sehr gern zu Fuss unterwegs. Im Schwarzenburgerland habe er nahezu jedes Strässchen und jeden Weg begangen. «Ich wollte das gesehen und erwandert haben.» Er sei auch dem Lauf des Sensewassers gefolgt, vom Schwarzsee bis nach Basel. Auch den Jakobsweg durch die Schweiz habe er unter die Füsse genommen. Aber, sagt Laager und macht damit klar, dass er in diesem Punkt eher dem ortsgebundenen Gauss gleicht: «Ich bin nicht der Pilger, ich teile die Strecke in Tagesetappen auf. Und nach jeder Etappe komme ich gerne wieder nach Hause.»

(Der Bund)

Erstellt: 07.08.2018, 06:40 Uhr

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Die Schulsternwarte

Sie sei eine Perle. So hat Andreas Kleespies, der an der Sternwarte Uecht in Niedermuhlern tätig war, die Schulsternwarte Schwarzenburg bezeichnet. Letztes Jahr hatte er sich dafür eingesetzt, dass sie erhalten bleibt. Weil ein Schulhaus-Neubau entsteht, kann sie nicht am gleichen Ort bleiben. Die Schulsternwarte wurde 1991 von Erich Laager aufgebaut. Kernstück ist das Newton-Teleskop, das der Schule geschenkt worden war. Die Sternwarte ist besonders, weil sie leicht erreichbar ist.

«Für alle - ganz in Ihrer Nähe», heisst es im Prospekt. Offen steht sie Schulklassen, aber auch Privatpersonen können sich für Besuche anmelden. Nebst den Teleskopen stehen Modelle und Bildpräsentationen bereit. Mittlerweile hat sich bezüglich des Standortes eine Lösung ergeben. Noch offen ist jedoch, wer sie künftig betreut. Erich Laager möchte die Leitung abgeben.

Informationen: schuleschwarzenburg.ch

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